Monstrosity Interview

Lee Harrison ist ein wahrer Veteran des Florida Death Metal! Nicht nur, daß der Label-Boss von Conquest Music vor beinahe zehn Jahren MONSTROSITY gründete, so spielte er auch bei Malevolent Creation und half zu Zeiten des legendären Bassers Roger Patterson bei Atheist aus. Darüber und über die neuerliche Veröffentlichung des mittlerweile gut abgelegenen Albums ‘In Dark Purity’ plauschte der Drummer.

Zwischen ‘Millenium’ und ‘In Dark Purity’ lag wieder einmal eine beinahe unendliche Pause, für die die bekanntlich nicht gerade fleißige Band (drei Alben in acht Jahren!) aber nicht allein verantwortlich war.
‘Man muß einrechnen, daß es sich jetzt schon um den Rerelease handelt. Eigentlich war der Abstand zwischen den beiden letzten Alben nicht größer als normalerweise bei uns. Vor eineinhalb Jahren erschien die erste Auflage von ‘In Dark Purity’. Die damalige Firma hat aber schlechte Promotion gemacht und auch einige Versprechen nicht eingehalten, weshalb die Platte jetzt noch einmal über ein anderes Label veröffentlicht wurde.’

Musikalisch ist eine stärkere Hinwendung zum Melodischen bemerkbar, wenn gleich auch die alten, rohen Trademarks nicht gänzlich vernachlässigt wurden.
‘Es stimmt vielleicht, daß ein paar einzelne Songs melodischer ausgefallen sind. Insgesamt hat es aber keine dramatischen Veränderungen gegenüber dem Vorgängeralbum gegeben.’

Bei Lee trat der seltene Fall ein, daß er über die eigenen Songs nichts zu berichten wußte und erst bei der Frage nach dem Slayer-Cover ´Angel Of Death´ auftaute.
‘Wir haben diesen Song ausgewählt, weil das der essentielle Song von Slayer ist! Natürlich auch der beste! Es gibt zwar viele Bands, die schon versucht haben den Song nachzuspielen, aber noch niemand hat es wirklich richtig gemacht. Ich hoffe, daß es uns annähernd gelungen ist.’

Von der Aufregung, die um ´Angel Of Death´  bei dessen Veröffentlichung herrschte, hat Harrison jenseits des großen Teichs aber nicht allzu viel bemerkt.
‘Direkt habe ich das natürlich nicht mitgekriegt, aber ich kann mir vorstellen, welche Problematiken durch diesen Song aufgewirbelt wurden.’

Nun ist ja die Idee einen Song der Schlächter nachzuspielen nicht gerade neu, noch dazu wo es mittlerweile schon mindestens fünf Tribute-Alben gibt.
‘Wir haben unsere Version nicht auf eines der vielen Tribute-Alben gestellt, weil wir der Legende Slayer aufrichtig huldigen wollten. Uns ging es nicht um schnell und leicht verdiente 500 Dollar!’

Über die Zusammenarbeit mit Produzenten-Guru Jim Morris wußte Lee nur Gutes zu berichten.
‘Es war einfach großartig. Wir kannten ihn ja schon von unseren früheren Alben. Es ist viel einfacher, wenn es dieses gegenseitige Verstehen gibt, das wir uns mit Jim erarbeitet haben.’

Dem altbekannten Stehsatz, daß alle Morrissound-Bands sich klanglich ähneln, widersprach er vehement.
‘Diese Aussagen stammen noch aus den frühen 90ern, als beinahe alle Death Metal Bands in Tampa aufnahmen. Seither hat sich viel verändert. Das Equipment des Studios wurde beinahe gänzlich ausgetauscht. Außerdem haben wir zusätzlich auch unsere eigenen Gerätschaften bei den Aufnahmen mitgehabt. Ich glaube nicht, daß die alten Kritiken für unser Album gelten. Wir sind überhaupt schon so erfahren und unabhängig, daß wir unsere Soundvorstellung in jedem anderen Studio umsetzen könnten. Nicht wie junge Bands, die sich vollständig einem unbekannten Produzenten ausliefern!’

Lee ist bekanntlich das letzte Gründungsmitglied, das noch in der Band weilt. Diese Tatsache sah er aber weit weniger negativ, als so mancher Fan.
‘Die Veränderungen sind ja nicht plötzlich über Nacht passiert. Irgendwann wollte einer nicht mehr und ist ausgestiegen. Ein anderer wurde später aus der Band gekickt, und so weiter. Über die Jahre hinweg hat es sich dann eben ergeben, daß ich als einziger von den Gründungsmitgliedern übriggeblieben war. Das ist keine große Sache! Es gibt immer noch ein paar Fans, die ‘Imperial Doom’ als unser bestes Album ansehen. Ich glaube aber, daß die Band sich seit den Anfangstagen sehr stark weiterentwickelt hat.’

Aber mit einem stabilen Line-Up hätte die Band vielleicht so groß wie Deicide oder Cannibal Corpse werden können.
‘Das kann man nicht wissen. Jedenfalls wären mit der Urbesetzung sicher nicht so gut, wie wir es jetzt sind. Speziell was die Gitarren Abteilung betrifft, wären wir auf keinen Fall so stark.’

Daß Monstrosity hauptsächlich deshalb bekannt sind, weil ‘George Corpsegrinder Fisher dort vor Cannibal Corpse sang’ und daß die beiden Bands andauernd verglichen werden, ist Lee mittlerweile gewöhnt.
‘Wir sind stilistisch Lichtjahre von Cannibal Corpse entfernt. Dieser Vergleich bringt aber auch manche Fans dazu, sich mit uns zu beschäftigen. So gesehen ist er nicht schlecht. George habe ich übrigens erst vor kurzem getroffen. Wir hatten eine gute Unterhaltung und sind ein bisschen miteinander abgehangen. Insgesamt haben wir ein sehr gutes Verhältnis. Meiner Meinung nach sind die Alben, die er eingesungen hat, die besten Werke von CC. Ich muß aber gestehen, daß ich kein großer Fan der Band bin. Das bezieht sich aber ausschließlich auf die Musik. Mit den Jungs verstehe ich mich prächtig.’

Vielen wird die Geschichte rund um die Aufnahmen des zweiten MonstrosityAlbums ‘Millenium’ sicher noch in Erinnerung sein. Für die jüngeren Semester sei die Rückholaktion von George Fisher, der kurz vor den Aufnahmen die Band in Richtung Cannibal Corpse verließ, noch einmal aufgerollt.
‘Unser ´neuer´ Sänger Jason war damals zwar schon in der Band, aber alle Songs waren für und mit George geschrieben. Er hat den Vorteil gehabt,  manche Songs schon jahrelang zu kennen und zu proben. Zwischen den ersten beiden Alben war ja relativ viel Zeit vergangen, die wir für das Songwriting nutzten. Jason hätte dem Druck wahrscheinlich nicht standgehalten, wenn wir von ihm sofort die selben Leistungen wie von George verlangt hätten. Deshalb haben wir George auch für ‘Millenium’ zurückgeholt. Ich muß wohl noch erklären, daß er uns vier Tage vor Beginn der Aufnahmen verließ! Wir standen dann vor der Wahl das gesamte Album sterben zu lassen oder eben diese ungewöhnliche Rückholaktion zu starten. Also hat George ‘Millenium’ eingesungen und Jason nur ein paar Backup Sachen aufgenommen. Wir wollten ihn nicht ganz ins Abseits stellen. Jason hat aber dann alle Tourneen für ‘Millenium’ gesungen. Da lernte er die hohen Schreie, die er bei seiner vorigen Band Eulogy nicht allzu oft einsetzte. Bei ‘In Dark Purity’ haben wir diesen Gesangsstil sehr forciert.’

Mit Kelly Conlon befindet sich der Bassist bei Monstrosity, der bei Deaths legendärer ‘Symbolic’-Scheibe den Viersaiter zupfte.
‘Alex von Cannibal Corpse hat uns zusammengebracht. Wir wußten, daß er damals gerade bei Death ausgestiegen war und riefen ihn damals einfach an. Natürlich waren seine Parts auf ‘Symbolic’ gut, aber dieses Album hat nicht den Ausschlag für seine Wahl gegeben. Mir gefallen die älteren Alben von Death wie ‘Scream Bloody Gore’ und ‘Leprosy’ weitaus besser.’

Überraschend und völlig untypisch für Monstrosity konnte Lee schon von den Arbeiten zum Nachfolger von ‘In Dark Purity’ berichten.
‘Wir haben jetzt fünf Songs fertig, aber natürlich ist es noch ein weiter Weg, bis das Album dann tatsächlich erscheinen wird. Wir wollen aber unbedingt die Pause zwischen unseren Veröffentlichungen kürzer halten, als das bisher der Fall war. Wenn alles nach Wunsch verläuft, dann können wir schon im Oktober ins Studio gehen.’ Davor wird es aber noch eine Compilation mit Namen ‘Crave The Blood’ geben.
‘Daran arbeite ich jetzt gerade. Darauf werden sich beiden Demos, ‘Horror Infinity’ (Dez. 1990 – Anm. d. Verf.) und ‘Enslaving The Masses’ (1994), sowie Remixes von ‘Imperial Doom’ befinden, wo wir vor allem die Gitarren etwas mehr in den Vordergrund gestellt haben.’

Der in Englewood (eine Autostunde südlich von Tampa) lebende Schlagzeuger bestätigte eine gewisse Stagnation der dortigen Szene, von der mir Glen Benton an anderer Stelle berichtete.
‘Das stimmt schon. Es gibt zwar ein paar neue Bands wie Diabolic, die in letzter Zeit hierher gezogen sind, aber im Großen und Ganzen sieht man seit Jahren die selben Gesichter.’

1988 stand Lee in Diensten von Malevolent Creation.
‘Ich glaube, daß das eher 1989 gewesen sein muß. Damals nahm ich leider nur das 3-Track-Demo mit ihnen auf. Das erste Album war aber bis auf ein, zwei Songs fertig geschrieben, als ich die Band verlassen mußte. Ich habe Lyrics, Titel und sogar Riffs zum ersten Malevolent Creation Album beigesteuert und dafür keine Credits bekommen! Es gab persönliche Probleme zwischen mir und Phil, die aber mittlerweile verjährt sind.’

Ende der 80er müßte Lee im Umfeld von Malevolent Creation auch Peter Tägtgren begegnet sein, der bekanntlich für drei Jahre in Florida und im Dunstkreis dieser Band weilte.
‘Er kam immer zu den Shows von Malevolent Creation. Damals spielte er bei Meltdown. Wir haben uns sehr oft über Musik unterhalten, ein paar Drinks gehoben und waren sogar ein paar Mal gemeinsam am Strand. Ich habe erst lange nach dem ersten Album von Hypocrisy realisiert, daß das seine Band ist.’

Nach Malevolent Creation hätte eigentlich ein Abstecher zu Atheist folgen sollen.
‘Der leider zu früh verstorbene Bassist Roger Patterson sagte mir damals, daß sie einen Drummer suchen, weil ihrer die Band verlassen will. Also begann ich die Songs zu lernen. Sie beschlossen dann aber doch den alten Drummer zu behalten. Sie riefen mich aber einmal mitten in der Nacht an, weil ihr Schlagzeuger vor einem Auftritt erkrankte. Diese Show in Ft. Lauderdale spielte ich ohne eine einzige Probe! Die Hälfte der Songs kannte ich so einigermaßen, vom Rest hatte ich nicht den geringsten Tau!!’

Zur Person Roger Patterson wußte Lee nur Positives zu berichten.
‘Er war ein totaler cooler Kerl! Ich kann mich noch erinnern, daß ich ihm das erste Demo von Monstrosity gab und er es mochte. Eigenartigerweise war er der einzige Musiker in Atheist, der sich wirklich für diese Art Musik interessierte und einsetzte. Immer unterstützte er irgendwelche Underground Bands. Das machten die anderen Jungs nicht.’

Trotzdem wußte Lee aber auch über den Verbleib von Atheist-Klampfer Kelle Shaefer Bescheid.
‘Er hat mit seiner Band Neurotica mittlerweile zwei Alben aufgenommen, die beide von Brian Johnson von AC/DC produziert wurden. Außerdem hat er die alten Atheist Alben wieder neu aufgelegt und mit Bonus Tracks versehen.’

In der Urbesetzung mit Mark von Erp (b.), Jon Rubin (git.) und George Fisher gründete Lee schließlich im August 1990 Monstrosity.
‘Mark kannte ich schon, als er noch bei Cynic spielte. Wir hingen ungefähr ein Jahr lang regelmäßig miteinander ab und trafen uns sehr oft bei gemeinsamen Shows von Malevolent Creation und Cynic. Irgendwann ging er dann nach New York. Als wir einen neuen Bassisten brauchten, schlug ich ihn vor. Leider bin ich aber schon vorher rausgeflogen, bevor er zu Malevolent Creation kam. Er war aber auch nicht lange in der Band, nur ungefähr ein Jahr, weil er auch Probleme mit Phil bekam. Zu diesem Zeitpunkt schmiedete ich schon Pläne mit George zur Gründung einer eigenen Band. Wir nahmen Mark mit offenen Armen auf. Ein Monat später wurde auch Jon Rubin bei Malevolent Creation gefeuert, und er kam sofort zu uns. Jon hat sich aber nie richtig bei Monstrosity eingebracht. Wir mußten ihn immer zu Proben überreden und holen. Als wir dann von Ft. Lauderdale nach Tampa zogen stieg er aus.’

Danke für dieses äußerst interessante Gespräch und CU on tour!!

Monstrosity Website