Shapeshift Interview

Darf’s zur Abwechslung mal etwas verspielter und anspruchsvoller sein? Ja? Supi, dann hab’ ich ja hier genau das richtige für euch im Gepäck: SHAPESHIFT aus Erlangen haben alles, was eine gute Progressive Metal-Band haben sollte und verzichten auf alles, was eine Progressive Metal-Band besser NICHT haben sollte. Wer unter Prog Metal harte, ambitionierte Sounds und nicht selbstverliebtes Geschwurbel versteht, sollte sich „Confusedated“, das aktuelle Scheibchen der Jungs, mal reinpfeifen. Also, sperrt die Lauscher auf, es ist Zeit für eine amtliche Ladung „Brain Metal“!! Ach ja, lest vorher noch das Interview mit Stimmbandakrobat Bernd Wener…

Wie hat’s bei euch denn angefangen? Wann, wie, wo und warum wurden SHAPESHIFT gegründet und was gibt es Spannendes aus den Anfangstagen der Band zu berichten?
Immer diese W-Fragen… ;)
Angefangen hat alles in der ersten Jahreshälfte 2002. Jochen und Jossi hatten früher bereits
Mal eine Band zusammen und wollten wieder etwas auf die Beine stellen. Sebastian und Jochen kannten sich wiederum aus dem gemeinsamen Studium in Erlangen. Fehlte nur noch
ein Proberaum (halbes Jahr Suchzeit) und ein Sänger (noch 1 Jahr Suchzeit). Ich suchte in
der Zeit gerade eine neue Band als Sänger, hatte eigentlich aber bereits einer anderen zugesagt. Aber nach einer Probesession mit Shapeshift war klar, ich muss den Jungs helfen… Nein, im Ernst, ich fand die Musik einfach genial und zum Glück fanden die mich wiederum auch nicht so schlecht. Außerdem haben wir uns menschlich von Anfang an total gut verstanden, ich stieg zu den Typen ins Auto und wir unterhielten uns, als ob wir uns schon
mehrere Monate lang kennen würden.

Stell’ doch mal bitte das aktuelle Line Up vor! Was für Typen seid ihr? Stell’ Dir einfach vor, Du wärst auf einer dieser Internet-Partnerbörsen gelandet und müsstest jetzt Deine Bandkollegen und Dich anpreisen…
Also gut, Philip, wer soll heute dein Herzblatt sein?
Jochen Götz (Drums), der charmante Jura-Student und (Wodka-)absoluter Kanada/Skandinavien-Fan, mit dem du wochenlang durch die freie Wildbahn wandern und dabei zelten und angeln kannst, und dir nebenbei Metallica, Symphony X, Dream Theater oder das ganze andere Zeug, was ihm seine Bandkollegen unterjubeln, reinpfeifst?
oder
Jossi Lenk (Guitars), der gerade frisch-gebackene SozPädler, der nun leider nach Heidelberg abwandert, (was aber seiner Arbeit bei Shapeshift keinen Abbruch tut), mit dem es sich wunderbar diskutieren lässt, wenn man als Sänger doch mal versucht, auch ein paar Riffing-Ideen einzubringen, und mit dem man wunderbar mitten in der Nacht im volltrunkenen Zustand noch bei seinem Mitbewohner vorbeischauen kann um sich auch mal etwas smoothere Mucke anzuhören…
oder
Sebastian Moser (Bass), ebenfalls Jura-Student, der, wenn er nicht gerade in seiner Black-Metal Kombo irgendwelche Düstermucke zusammenb(r)aut, ein eigentlich ganz umgänglicher Mensch ist, der dir auch deine CD abmischen und produzieren wird, sobald er sein Jurastudium endlich hinter sich hat und sein eigenes Ton-Studio eröffnet hat. Mit ihm hörst du dir eher härtere Musik von Thrash- über Death- zu Black-Metal an.
oder
Bernd Wener (Vocals), der hoffnungslos in seinem Informatik-Studium festhängt und daher als Ausgleich dringend eine hohe Dosis an musikalischer Drogen in Form von zwei Bands benötigt. Gibst du ihm diese nicht regelmäßig, so weicht er auf andere Substanzen, wie z.B. exzessive Parties aus, auf welchen hoffentlich Musik von Pain of Salvation, Dredg oder Porcupine Tree läuft.

Welche Bands haben euch am nachhaltigsten beeinflusst und zwar in Hinsicht auf euren persönlichen Musikgeschmack als auch in Hinsicht auf den Sound von SHAPESHIFT?
Wie bereits bei der Personenbeschreibung schon angedeutet, ist das ziemlich verschieden und sehr gemischt. Während Sebastian und Jochen eher die „puren“ Metaller sind, von altem Thrash-/Death-Metal über Metallica und Symphony X bis hin zu Dream Theater beeinflusst sind, sind Jossi und vor allem ich schon eher auch mal Richtung Alternative Rock unterwegs. Hier fallen mir Bands wie A Perfect Circle, Queens of the Stone Age, Beatsteaks oder Audioslave ein, aber es finden sich auch Alben von System of a Down, Anathema (die „neuen“ Scheiben) oder gar Tori Amos und Björk bei uns. Und das ist wirklich nur ein Querschnitt durch unseren Musikgeschmack. Alles in allem ist der sehr breit gefächert, aber doch zum größten Teil auf Musik bezogen, die mit Instrumenten im klassischen Sinne arbeiten, ohne großartigen Elektronik-Schnickschnack.

Angenommen, Du müsstest einem eingefleischten Metaller den Sound von SHAPESHIFT beschreiben…
Shapeshift spielen Brain-Metal, was genau deshalb so heißt, weil man etwas genauer hinhören muss, um die Musik zu verstehen und weil es progressiver Metal ist, der nichts mit dem zu tun hat, was die meisten unter Progressive Metal verstehen, nämlich überlange Songs mit übermäßigem Keyboard und Solo-Geficke. Shapeshift beschränken sich auf die klassische Besetzung Gitarre/Bass/Schlagzeug/Gesang und hauen drauf, wenn es erforderlich ist, aber eben auch nicht dauernd. Fazit: Harter, aber dennoch melodiöser Progressive Metal ohne überflüssige Verspieltheiten.

Angenommen, Du müsstest einem Nicht-Metaller den Sound von SHAPESHIFT beschreiben…
Hallo Nicht-Metaller. Das hier ist die Band Shapeshift. Sie nennen ihren Musikstil Brain-Metal. Klingt komisch, ist aber so. Unter Brain-Metal verstehen die Jungs, dass man schon etwas Grips in der Birne haben muss, um die Musik zu verstehen. Als Ausdrucksmittel ihrer Aggressionen nehmen die vier dabei ein Schlagzeug (ihr wisst, schon, das große Gebilde aus Töpfen und scheppernden Becken, welches heutzutage kaum noch jemand spielt, weil es doch Drumcomputer gibt), eine elektrische Gitarre (ja genau, diese verzerrten Dinger, mit denen man diese sägenden Geräusche verursachen kann) und einen elektrisch verstärkten Bass (der von Sebastian hat sogar 5 Saiten!). Außerdem darf Bernd nach Lust und Laune singen und schreien, je nachdem, wie es gerade passt. Ist doch schön, oder?

SHAPESHIFT bedeutet ungefähr so viel wie „die Form bzw. Gestalt ändern“. Als „Shapeshifter“ bezeichnet man Formwandler, z.B. Werwölfe oder auch eine Spezies bei Star Trek . Es gibt da außerdem noch diese einprägsame Textzeile in dem Metallica-Song „Of Wolf And Man“. Wie seid ihr auf den Namen gekommen und was sagt er in euren Augen aus?
Hätte ich mal vorher gewusst, wie gut die Leute „Of Wolf And Man“ tatsächlich kennen, hätte ich wohl nie bei einer Kombo namens Shapeshift angeheuert ;)
Es war tatsächlich so, dass Jochen und Jossi eines schönen Abends bei ein paar Bierchen (vielleicht wars ja auch Wodka, wer weiß das schon so genau?) zusammensaßen, und es lief jenes Lied. Tja, und nachdem das Ganze auch gut zu der Musik passte, die wir machen, eben nicht gleichförmige, weichgespülte Gülle, wurde er prompt zum Bandnamen auserkoren.
Bei unseren Auftritten bekommt der Name noch eine weitere Bedeutung, da wir uns auf der Bühne in unbändige Bestien verwandeln, die nicht zu stoppen sind.
Von irgendwelchen Alienrassen distanzieren wir uns allerdings ausdrücklich.

Wie läuft bei euch der Songwritingprozess ab? Schreibt jeder für sich im stillen Kämmerlein oder seid ihr eine klassische Proberaumband?
Wir sind eher so ein Hybrid-Gebilde, wobei der Schwerpunkt auf der Proberaumband liegt. Wir proben gerne und das gehört für uns auch zum Musikmachen auf alle Fälle dazu. Wir sind keine musikalische Zweckgemeinschaft um Kohle zu scheffeln, sondern spielen, weil wir Spaß daran haben. Daher entsteht auch viel von dem Material im Proberaum. Dennoch kommt es natürlich hin und wieder vor, dass v.a. Jossi und Sebastian sich Riffs oder ganze Songteile zuhause zusammenspinnen und die dann mitbringen. Aber da wird dann meist solange dran rumgebastelt, bis es mit dem eigentlich mitgebrachten nicht mehr viel zu tun hat ;) Naja, wir sind wohl doch eher eine Proberaumband…

Woher nehmt ihr die Inspiration für eure Texte?
Aus dem täglichen Leben. Wir schreiben über Dinge, die uns auf den Sack gehen, über Dinge die uns bewegen, aber auch schon mal etwas abstrakter, ins lyrische gehend, nicht unbedingt überdeutlich und direkt. Wir haben kein Interesse an irgendwelchen Geschichten. Ich könnte mir auch nur schwer vorstellen über einen durch den Sonnenuntergang reitenden Helden zu singen, der gerade den Drachen geköpft und die Jungfrau gevögelt hat. Manchmal weiß ich allerdings auch nicht, wo die Inspiration genau herkommt. Der Song „Reproach“ zum Beispiel handelt von einem kleinen Jungen, der sterben musste, das aber nicht von seinen Eltern klargemacht bekam und deshalb einige Dinge nicht mehr erleben konnte, die er noch erleben wollte. Dieser Text war einfach plötzlich in meinem Kopf, keine Ahnung warum. Ich habe noch nie (gottseidank) so einen Fall erlebt oder in der Familie gehabt oder ähnliches.

Eine Textzeile wie „Next Stop Garden Eden, Access Denied“ kann man sehr vielseitig interpretieren. Was habt ihr euch dabei gedacht? Wollt ihr eher eine gezielte Botschaft vermitteln oder dem Hörer lediglich einen kleinen Denkanstoß geben, damit er sich selbst ein Bild machen kann?
Unterschiedlich. Also im speziellen Fall von Garden Eden ist das wohl eher als Denkanstoß zu sehen, wenngleich ich zugeben muss, dass dieser Text eher von persönlichem Frust herrührt. Aber die Interpretation finde ich durchaus interessant, weil man ihn auch ganz gut in einem sozialkritischen Kontext sehen kann, aus Sicht des Menschen an sich, der sich gegenseitig, also somit auch sich selbst, langsam zerstört. Danke für den Denkanstoß ;)

Ihr habt einen Song namens „Perfect Life?“ geschrieben.
Wie sieht für euch ein „Perfect Life“ (in diesem Fall OHNE Fragezeichen!!) aus? Kann es so etwas wirklich geben und wäre es überhaupt erstrebenswert, selbst wenn es zu 100% den eigenen Vorstellungen entspräche?

Ein perfektes Leben wäre wohl eines, in dem es keine Kriege und Krankheiten gäbe, keinen Hunger, keine Verbrechen, eben ein komplett harmonisches Zusammenleben aller Menschen, eine Welt, in der es jedem einzelnen gut geht, aber dennoch jeder tun und lassen kann, was er will.
Natürlich kann es so was nicht geben. Meiner Meinung nach vor allem aus zwei Gründen, zum einen natürlich der offensichtliche: Es ist Utopie. Ein Leben in einer großen Gesellschaft erfordert Kompromisse, anders kann ein soziales Zusammenleben nicht zustande kommen. Außerdem gibt es leider einfach viel zu viele Idioten auf der Welt, die so etwas unmöglich machen. Zum anderen deshalb, weil selbst wenn man einen perfekten Status erreichen könnte, man mit Sicherheit, das liegt meiner Meinung nach in der Natur des Menschen, nach immer mehr streben würde, folglich also in ein tiefes Loch fiele, weil man ja bereits perfekt ist, und nichts weiter erreichen kann.

Sooo, genug philosophiert!! Jetzt erzähl’ mal zum Schluß noch eine dreckige Rock’n’Roll-Story aus Deinem verdorbenen Rock’n’Roller-Leben!!
Ach je, eine dreckige Rock’n’Roller-Story, wo wir doch alle so brav sind und völlig abstinent und keusch leben, ähem…
Ich sag nur Leipzig ist ein geiles Pflaster! Was da für Grünzeug auf den Wiesen wächst, das hast du noch nicht gesehen. Und es gibt dort die absolut abgefuckteste Absinth-Bar, die ich kenne (ich glaub das Teil heißt Sixtina). Man sollte allerdings die Zeitlupe mit einberechnen, wenn man nach dem Wochenende zum Bahnhof geht, sonst verpasst man seinen Zug (darf dafür aber noch mit einem netten Vöglein Kaffee trinken).

…Und jetzt noch ein paar „Famous Last Words“, wenn Du magst…
Was soll ich sagen… Erstmal natürlich danke für das Interview, und an eure Leser noch eine kleine Botschaft: Bleibt hart, bleibt sauber! Wir hören und sehen uns, da könnt ihr einen drauf lassen! Ich lehne mich mal etwas weiter aus dem Fenster und verspreche für Anfang 2006 ein richtiges Longplayer Album…

Und jetzt alle gemeinsam „Next Stop Garden Eden, Access Denied“. Wehe, ihr singt nicht mit, dann gibt’s Haue von Onkel Phil!! Bis demnächst!!

www.shapeshift-music.de