EÏS Interview

Nach drei von Presse und Fans hochgelobten Alben hat sich die Black Metal Band GEÏST vor einigen Monaten aufgrund von Namensstreitigkeiten in EÏS umbenannt. Außerdem ist die Wiederveröffentlichung der ersten beiden Alben “Patina” und “Kainsmal” für Anfang 2011 angekündigt und der Keyboarder hat die Bielefelder Band verlassen. Kurzentschlossen habe ich Bassist und Hauptsongwriter Alboin ein paar Fragen zu den weiteren Plänen der Band zukommen lassen.

Hallo Alboin, ihr habt euch im Frühjahr von GEÏST in EÏS umbenannt. Wenn ich das richtig 
in Erinnerung habe, dann hat die Rock Band Geist aus Köln Ärger gemacht, 
oder?! Möchtest Du noch etwas genaueres dazu sagen? Und warum habt ihr 
euch für den Bandnamen EÏS entschieden?

Alboin: Das ist richtig. Die Kölner sind schon kurz nach unserer Umbenennung bzw. Neugründung von EISMALSOTT zu GEÏST auf uns aufmerksam geworden. Damals haben wir uns darauf geeinigt, dass wir uns ohnehin nicht in die Quere kommen würden, weil wir ja völlig verschiedene Stile spielen, und solange wir kein größeres Label haben. Seitdem wir bei Lupus Lounge sind, hat sich die Lage natürlich ein wenig geändert. Trotzdem ist noch niemals auf einem unserer Konzerte jemand zu mir gekommen und hat sich beklagt, dass er Alternative Rock von uns erwartet hätte… das Problem, das die Kölner da postulieren, ist also ein konstruiertes und unserer Ansicht nach völlig albern. Die Vermutung liegt nahe, dass sie vielleicht ein wenig neidisch auf solche Nebensächlichkeiten wie Google-Rankings und Myspace-Clicks sind. Die Jungs sollten sich meiner Ansicht nach lieber auf ihre Musik konzentrieren, anstatt sich mit rechtlichem Schnickschnack zu befassen. Sie haben uns mit einem Schadensersatz in Höhe von mehreren Tausend Euro gedroht und gerichtliche Schritte angekündigt, sodass wir dann letztlich den Weg gegangen sind, den Klügere zu gehen pflegen, und uns umbenannt haben.
Wir haben dann lange nach einem neuen Namen gesucht, der unsere Bandvergangenheit nicht völlig kappt und die Atmosphäre der Musik weiterhin ausdrückt. Das war sehr schwer, und letztlich haben wir uns deshalb auf EÏS geeinigt, weil darin zum einen der „Kern“ des alten Bandnamens und zum anderen die erste Silbe des Vorgängers EISMALSOTT steckt. Zudem denke ich, dass EÏS ähnlich viel Raum lässt und ähnlich atmosphärisch klingt, wie es GEÏST getan hat.

Was ist sonst noch Interessantes in diesem Jahr bei euch passiert?

Alboin: Genau genommen nicht allzu viel. Ich war Anfang des Jahres im Studio E und habe dort mit Markus Stock unsere ersten beiden Alben „Patina“ und „Kainsmal“ neu gemischt und gemastert. Dafür haben wir im Vorfeld alle Gitarrenspuren neu aufgenommen, mit denen ich überhaupt nicht mehr glücklich war. Beide Alben werden also in ganz neuem Gewand und auch mit neuem Layout/Artwork Anfang 2011 neu aufgelegt. Ich hoffe, dann endlich meinen Frieden mit diesen Platten zu finden, nachdem ich jahrelang latent unzufrieden damit war, was wir damals aus dem Material gemacht haben.
Ansonsten haben wir einige Konzerte gespielt und angefangen, ein bisschen mit neuem Material zu experimentieren. Das geht allerdings nur langsam voran. Zudem haben wir Anfang des Jahres unseren Keyboarder Faruk gehen lassen müssen und mit Diana d’Hourtinet ein neues Mitglied einarbeiten müssen. Diana ist mittlerweile aber nicht mehr Teil der Band. Die Keyboards hat auf den letzten Auftritten unser Sänger Cypher D. Rex mit übernommen.

Im letzten Jahr habt ihr das beeindruckende Album “Galeere” 
veröffentlicht. Wie waren die Reaktionen von der Presse und den Fans?

Alboin: Vor allem die Pressereaktionen waren wirklich überwältigend. Ich glaube, wir haben auch einige neue Fans mit dem Album hinzugewinnen können. Gleichzeitig hat der veränderte Sound und die doch etwas andere Herangehensweise im Vergleich zu den beiden Vorgängern sicherlich auch einige Fans der ersten Stunde abgeschreckt, jedenfalls auf den ersten Blick. Trotzdem habe ich nur sehr wenige latent kritische Stimmen gehört, alle anderen haben sich ziemlich bezaubert von der Platte gezeigt. Ist ein schönes Gefühl.

Was denkst Du jetzt, da etwas Zeit vergangen ist, über “Galeere”?

Alboin: Ehrlich gesagt kann ich das nicht mehr so richtig beurteilen. Ich weiß, dass wir ein sehr gutes Album aufgenommen haben, und ich weiß auch, dass ich sehr stolz auf das Ergebnis bin. Das Material selbst kann ich allerdings fast nicht mehr hören, weil wir das jetzt seit fast drei Jahren ununterbrochen im Proberaum, im Studio und live spielen und ich immer noch keinen Abstand dazu habe. Deswegen höre ich das Album selbst auch nicht an, im Gegensatz zu älteren Aufnahmen.
Auf jeden Fall haben wir uns vorgenommen, das nächste Album anders anzugehen, eher im Bandgefüge („Galeere“ habe ich ja im Alleingang geschrieben und dann mit in den Proberaum gebracht, sozusagen), und auch bei der Produktion wieder mehr Wert auf etwas Natürliches, Wildes, Ungestümes und Knarziges zu legen. Das hat allerdings weniger damit zu tun, dass wir mit „Galeere“ nicht mehr zufrieden sind, sondern eher damit, dass wir in dieser Richtung glauben, derzeit alles gesagt zu haben.

Die beiden Alben “Patina” und “Kainsmal” sind als Re-Release geplant. Wird 
das Material neu gemastert? Wird es einen zusätzlichen Kaufanreiz wie z. 
B. Bonustracks für die neuen Versionen geben?

Alboin: Wie ich eben schon schrieb, geht das sogar weiter als nur bis zu einem neuen Mastering. Ich habe in teils recht mühseliger Kleinarbeit die teils schon verloren geglaubten alten Aufnahmen rekonstruiert und die originalen Spuren wieder hergestellt. Die Gitarren waren aus verschiedenen Gründen nicht zu gebrauchen, sodass wir diese daheim neu eingespielt haben, was dem Material wirklich enorm gut getan hat, wie ich finde. Die eigentlichen Songs haben meiner Ansicht nach so viel mehr Potential, als man es auf den Alben im ursprünglichen Sound erahnen kann. Alle weiteren Spuren sind unangetastet geblieben, um ein Desaster im Stil von „Stormblast 2005“ zu vermeiden – wir haben dann nur alles von Grund auf neu gemischt und gemastert.
„Kainsmal“ hat einen kurzen Bonustracks spendiert bekommen, ja. Eine Coverversion, die wir schon damals spaßeshalber mit aufgenommen hatten. „Patina“ ist meinem Empfinden nach so kompakt und von der Atmosphäre her so einzigartig, dass wir uns gegen Bonusmaterial entschieden haben. Allerdings werden beide Veröffentlichungen noch mit Liner Notes versehen und schick neu verpackt, was vielleicht einen „Kaufanreiz“ darstellt. Wobei ich finde, dass die Alben diesen Anreiz nicht brauchen. Sie sind auch in erster Linie für diejenigen gedacht, die kein Exemplar der Erstauflage haben bekommen können und nicht horrende Summen bei Ebay bezahlen möchten, und sollen keine Besitzer der Originale zu einem weiteren Kauf verlocken.

Wie weit ist eure Arbeit an neuem Songmaterial fortgeschritten? Kannst Du 
uns schon etwas zu den neuen Songs verraten?

Alboin: Das geht wirklich nur langsam voran. Cypher hat eine Menge neues Material, das wir nach und nach sichten und einstudieren. Ich habe auch einige lose Ideen, mir fehlt aber die Muße, sie zu Stücken zusammenzufügen. Bisher zeichnet sich ab, dass wir langsamer und obskurer klingen werden und doch deutlich vom Black Metal abrücken. Vergleiche oder Beschreibungen bieten sich in diesem frühen Stadium noch nicht an, das würde nur in die Irre führen. Jedenfalls wird das nächste Album wieder genauso anders klingen, wie es die vorigen drei im Vergleich zueinander tun, und trotzdem wird man sicherlich heraushören, wer die Musik macht. Ich bin selbst gespannt, was am Ende dabei herauskommt.

Habt ihr für das kommende Album wieder ein Textkonzept geplant?

Alboin: Ich hatte eines geplant, ja. Allerdings ist auf privater Ebene im letzten Jahr bei mir so viel passiert, dass ich das vermutlich zunächst irgendwie verarbeiten und umsetzen werde. Bis jetzt steht kein einziger Text – das entwickelt sich dann meist im Zusammenspiel mit den fertigen Stücken, die dann Bilder in meinem Kopf entstehen lassen, aufgrund derer ich dann beginne, etwas aufzuschreiben. Dieser Prozess ist noch nicht in Gang, und ich kann auch nicht beeinflussen, wann das geschieht.


Wie entsteht ein neuer EÏS Song?

Alboin: Bis jetzt ist er in erster Linie zu Hause in meinem „Musikzimmer“ entstanden, bzw. in meiner Vorstellung. Das neue Material entsteht aber vermehrt im Proberaum im Zusammenspiel und in gegenseitiger Wechselwirkung der einzelnen Mitglieder. Wir bringen Ideen mit, jammen, entwickeln Strukturen, fügen zusammen, reißen wieder auseinander und kombinieren anders. Das dauert länger, als ein Stück alleine auf die Beine zu stellen, aber es ist auch fruchtbarer und interessanter. Wir müssen selbst erst lernen, so zu arbeiten und dabei auch wieder zielgerichteter zu werden. Aber wir nehmen uns die Zeit, es gibt keinen Grund, uns da unter Druck zu setzen oder setzen zu lassen.

Was bedeutet die Band für dich?

Alboin: Das ist unterschiedlich. Es gibt „die Band“ und es gibt „die Band“ – einmal das, was mir das Musikmachen selbst bedeutet, und einmal das Gefüge selbst, das ich als durchaus variabel ansehe. Mittlerweile mache ich seit über 13 Jahren mit anderen Menschen Musik, in vielen Bands, vielen Konstellationen, an verschiedenen Instrumenten und in diversen musikalischen Richtungen. EÏS ist allerdings „meine“ Band, mein Feld, in dem ich mich ausdrücken kann, wenn ich das will. Deshalb wird auch nichts an mir vorbei in dieser Band passieren, dafür haben alle anderen Mitglieder ihre eigenen Betätigungsfelder. Das Musikmachen selbst ist mir verdammt wichtig, auch wenn ich das ganze Drumherum, den organisatorischen Rahmen und auch den langen Prozess, bis etwas aus mir „herauskommt“, oft genug verfluche. Im Grunde liebe ich es doch, und ich brauche es auch als Gegenpol zu vielen anderen Dingen in meinem Leben.

Welches GEÏST/EÏS Album hörst Du am liebsten?

Alboin: Schwer zu sagen, das ist natürlich stimmungsabhängig. Aufgrund der nostalgischen Gefühle dabei und der Erinnerungen daran aber vermutlich „Patina“.

Hast Du ein musikalisches und/oder lyrisches Vorbild?

Alboin: Lyrisch habe ich kein Vorbild, zumindest keines aus dem Musikbereich. Es ist ja kein Geheimnis, dass ich Dichter, vor allem aus der deutschen Klassik, sehr schätze – aber ein konkretes Vorbild habe ich nicht.
Musikalisch ist das vermutlich Nagash von Covenant/Troll. So einfach kann eine Antwort sein. Mir ist über die Jahre bewusst geworden, wie groß die ersten Alben dieser beiden Bands sind, und was für ein überwältigendes Gefühl sie mir geben und wie sehr sie mich geprägt haben… und dann erst ist mir klar geworden, dass beide aus der Feder dieses 17-jährigen Typen stammen, und das ist so unfassbar, wenn man bedenkt, wie visionär diese Platten waren. Knapp dahinter kommen dann eine ganze Reihe anderer Norweger aus der Zeit zwischen 93 und 97, 98 in loser Folge, und auf einer Augenhöhe sicherlich auch z.B. Summoning. Allerdings ist es so, dass ich niemandem konkret musikalisch nacheifere, sondern diese Musiker mich eher atmosphärisch sehr inspirieren.

Wovon läßt Du Dich inspirieren?

Alboin: In erster Linie von einem Gefühl, das vermutlich Nostalgie oder Sehnsucht ist und das besonders stark ist, wenn es mir schlecht geht – und von Geschehnissen in meinem Leben. Das ist schwer zu erklären und zu definieren. Mich berührt nicht viel an Musik, auch nicht bei meiner eigenen. Ich brauche eine bestimmte Stimmung in einem Riff, einer Melodie, einem Wort, einem Satz oder bei einem Sound, damit ich etwas empfinde, und das ist selten. Wenn das „eingependelt“ ist, entstehen weitere Bilder, Gedanken und Gefühle, die dann zu weiterer Musik oder zu weiteren Worten führen. Da bin ich sicherlich ziemlich eigen, und ich glaube auch nicht, dass das jemand anderes nachvollziehen kann.

Welches war Dein erstes Metal Album, weißt Du das noch?

Alboin: Natürlich. „Born Again“ von BLACK SABBATH, aber lange bevor ich wusste, wer oder was BLACK SABBATH wirklich waren oder sind. Danach „No More Tears“ von OZZY. Meine erste reine bewusste und selbst gekaufte Metalplatte war glaube ich dann „Ceremony of Opposites“ von SAMAEL oder „Wildhoney“ von TIAMAT.


Was macht Deiner Meinung nach einen guten Song aus?

Alboin: Das kann ich nicht beschreiben, das kann ich nur fühlen. Das ist genauso wie bei einem guten Essen oder einem guten Wein – man weiß einfach, wann es perfekt schmeckt, ohne immer genau sagen zu können, warum. Es ist die Kombination der Zutaten, die Zubereitungsart, die Form des Servierens, die Umstände des Dinners usw., die die einzelnen Komponenten zu mehr als ihren einzelnen Bestandteilen machen. Bei Musik ist das auch so. Ich habe in den letzten vier Jahren während meiner Zeit bei metal.de tausende von Songs gehört, und berührt haben mich davon vielleicht eine Handvoll, nicht mehr. Es ist die „Beseeltheit“ des Musikers, die mit Talent, mit Können und mit objektiver Qualität gar nichts zu tun hat, die einen guten Song ausmacht.

Was habt ihr für die Zukunft von EÏS geplant?

Alboin: Wir werden im Dezember ein paar Konzerte spielen und dann verstärkt an neuem Material arbeiten. Ich denke, dass wir im Laufe des Jahres 2011 aufnehmen werden. Über mehr mache ich mir erstmal keine Gedanken.

In welchen anderen Bands sind die Mitglieder von EÏS noch aktiv?

Alboin: Cypher, Larva und Hedrykk spielen bei LOST WORLD ORDER, der lokalen Bielefelder Thrash-Institution. Cypher bastelt stetig an diversen Projekten, mit denen aber relativ wenig geschieht. Marlek hat derzeit nur EÏS als Band, wird aber vermutlich – wenn dort wieder etwas geschieht – auch bei FUNERAL PROCESSION Schlagzeug spielen. Ich selbst mische nur hier und da noch bei anderen Bands mit, fahre das aber aus Zeitgründen deutlich runter. Wenn ich Zeit habe, bin ich bei INARBORAT dabei, helfe ein bisschen bei AGRYPNIE mit Text und Gesang und spiele bei ENID live Gitarre. Das muss dann aber auch reichen.

 

Galeere Review lesen
GEÏST Interview von 2006

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