Night In Gales Interview

Night In Gales

Mit ihrem neuesten Geniestreich “The Last Sunsets” haben NIGHT IN GALES wahre Begeisterungsstürme ausgelöst. Die Band scheint mit der Rückkehr des alten Sängers und neuem Label im Rücken den richtigen Zeitpunkt gewählt zu haben, um ein old school Melodic Death Metal Album abzuliefern, das selbst die Zweifler in Ehrfurcht verstummen lässt. Grund genug, Gitarrist Jens Basten mit einigen Fragen zu löchern.

Wie angekündigt habt ihr den mit “Five Scars” eingeschlagenen Weg back to the roots mit “The Last Sunsets” weitergeführt. Und die  Reaktionen auf die Scheibe sind euphorisch. Wie in den Zeiten von “Sylphlike” und “Towards The Twilight”. Da kann man glatt nostalgisch werden. Wie ist die Stimmung bei euch?

Bisher gibt es nur 90 – 95% Reviews, auch aus sonst eher kritischen Ländern wie UK, Schweden oder Holland. Die Stimmung ist total gut, denn jeden Tag kommt irgendeine neue gute Nachricht ins Haus geflattert. Es ist echt wie früher. Wir sind daher sehr gut drauf.

Es war allerdings seit „Sylphlike“ nicht mehr so, selbst „Towards…“ wurde seinerzeit schon in den großen Magazinen nicht ganz verstanden und wir mussten im Hammer damals ärgerliche 4 Punkte mit dem Spruch von Claudia P. (die damals sogar noch zur gleichen Zeit bei Blast gearbeitet hat übrigens!!!) „verlegt eure Urlaubsziele mal lieber weiter in den Süden“ wegstecken. Naja, „Eaten Back To Life“, eine meiner Lieblingsplatten im Death Metal Bereich, war im RH Arschbombe des Monats und „Butchered At Birth“ bekam satte 2 Punkte, glaube ich. Von daher alles ok.

Ja, ich habe früher auch fast imer die Arschbombe gekauft…
Kommen wir zu eurem alten und gleichzeitg neuen Sänger Christian. Stand zuerst fest, dass er wieder einsteigt oder zuerst die stilistische Entwicklung zurück zu den Wurzeln? Du hattest gesagt, dass die Songs in drei Songwriting-Phasen entstanden sind. Existierten also schon welche, bevor Christians Rückkehr klar war?

Ja genau, und zwar waren die ersten drei Songs „The Abyss“, „Dust and Form” und „The Mortal Soul“. Allerdings wie alle Tracks zunächst ohne Titel und ohne Lyrics. Es waren nur die rein instrumentalen Demoversionen, die ich wie immer per cubase sx aufgenommen habe.

Diese Songs waren ursprünglich für einen anderen Sänger-Kandidaten geschrieben worden. Das hat sich dann später aber irgendwie wieder verflüssigt mit der Idee.

Du hast erzählt, dass viele Ideen First-Takes waren. Demnach hatte der Götheburg Old School Spirit bereits Besitz von dir ergriffen, oder? Dann hat sich das wahrscheinlich gegenseitig befeuert, deine Stimmung und die Rückkehr vom alten Sänger?!

Genau so war das sozusagen. Die alte Magie war wieder da. Tatsache ist, dass der von Dir genannte Götheburg Old School Spirit eigentlich immer in uns war, nur war es in den diversen Line-Up Konstellationen je Epoche immer nur in recht unterschiedlichem Maße gegönnt, innerhalb der Band diesen Weg durchzusetzen.

Als das jetzige Line-Up klar war, war die Marschrichtung ohne Worte beschlossene Sache. Und die Platte kam in einem Rutsch und ohne groß korrigieren oder verfeinern zu müssen.

Und wie kam es zu den drei Songwriting-Phasen?

Phase 1 hatte ich ja schon kurz angerissen: Ein anderer Kandidat wollte es machen, also schrieb ich drei Songs für ein Labelpromo. Als er dann irgendwann doch nicht damit fertig wurde, entschied sich Christian es zu machen. Und dann war die Sache sehr klar und die Songs kamen in einem Rutsch. Das war dann die Phase 2, in der alle restlichen Songs musikalisch entstanden sind, ausgenommen die beiden Instrumentals.

Diese sind erst ganz am Ende noch während des Masterings als logische und notwendige Ergänzungen zu den harten Tracks des Albums sehr gezielt und innerhalb von 30 Minuten mit einer ranzigen Akustikgitarre auf dem Balkon entstanden – direkt die ersten Ideen ins Handy aufgenommen – das wars.

Sicherlich hat die karge todbringende Wüstenlandschaft, durch die der Bus dabei meistens fuhr, und die immer gegenwärtige Sonne die Endzeit-Stimmung zusätzlich befeuert.

Während deiner Afrika-Reise sind die Texte entstanden. Wo warst du unterwegs? Welche Eindrücke hast du sammeln können und bist du auf Metal gestoßen?

Es war ein Trip von Botswana und Simbabwe und weitere Staaten bis runter nach Kapstadt. Da man täglich ca. 6 Stunden im Bus saß, habe ich irgendwann angefangen diese Texte zu schreiben.

Sicherlich hat die karge todbringende Wüstenlandschaft, durch die der Bus dabei meistens fuhr, und die immer gegenwärtige Sonne die Endzeit-Stimmung zusätzlich befeuert. Denn gerade wenn man ständig in die Sonne starrt, und die Trockenheit als Resultat der Hitze überall und permanent um sich hat, macht man sich zwangsläufig auch über die Zeit Gedanken, in der dieser Zustand einmal dem Ende zugehen wird. Auf Metal bin ich in Afrika nicht gestoßen, nur auf unglaubliche Armut, dadurch bedingte Kriminalität und viele wilde Tiere.

Magst du mehr über die Lyrics auf “The Last Sunsets” erzählen?

Es geht um die letzte Phase der menschlichen Rasse auf der Erde, sofern dies die Endstation für sie bedeuten sollte. Also nichts mit Träumereien von Kolonien auf Mars und Co. Wir werden hier verrecken und dann wird uns wohl so einiges durch den Kopf gehen. Es geht um die wichtigsten Emotionen, um die Sinnfrage und all das, was die letzten Menschen so essentielles in ihren letzten Stunden vielleicht denken könnten. Die ganz großen Themen also, das große Kino: Schuld, Sühne, Vergebung, Glaube, Klarheit, die Gewissheit zu sterben, die Gewissheit als Spezies versagt zu haben. Nicht das persönliche Klein-Klein. Denn das interessiert keinen – es ist für nichts wichtig.

Will oder darf Christian zukünftig Texte schreiben?

Bei diesem Album war es eine sehr spontane Sache. Christan hatte kein Bedürfnis Texte zu schreiben. Dann sollte man das auch nicht erzwingen. Beim nächsten wiederum würde ich es nun aber auch ungern anders machen, da es sich sehr bewährt hat, wie es für „The Last Sunsets“ gelaufen ist.

Hast du einen Lieblingssong auf  “The Last Sunsets”?

Bei mir sind das derzeit eher „Kingdom Of The Lost“, „Circle Of Degeneration“ und „In Pain, In Silence“, da hier etwas mehr Tiefgang drin steckt und meine Lieblingsmomente hier drin stecken. Diese Lieblingsmomente sind ganz wichtig und dauern oft nur 2-3 Sekunden, hier steckt die Magie und Gänsehaut drin. Sie sind nicht geplant gewesen sondern ergaben sich einfach beim Einsingen durch einen speziellen Ausdruck, eine spezielle Betonnung von Silben usw.

Welche Konzerte/Festivals habt ihr bisher geplant?

Zuerst wollen wir in Kürze die aus Krankheitsgründen ausgefallene Releaseparty nachholen. Wenn alles glatt geht als Freibierparty in der Mühle in Duisburg mit ein paar feinen Supportacts. Dann ist da im Sommer das Rage Against Racism Open Air in Duisburg, das Dong Open Air in Neukirchen-Vluyn, das Summer Breeze und das Hardmetalfest in Mangualde (Portugal) im Januar 2019. Es regt sich gerade auch Tourmäßig etwas, aber da steht noch alles in den Sternen.

Ich möchte alles über den Videodreh zu “The Abyss” wissen. Warum habt ihr diesen Song gewählt?

Ursprünglich sollte es „The Last Sunsets“ werden, mit Konzept und Outdoor-Shootings. Dann ist aber etwas in der Planung schief gelaufen und dann war am Ende die Deadline entscheidend. Also haben wie die Produktion des „The Last Sunsets“ Musikvideos erstmal verschoben und stattdessen ein reines Bandshooting Video für „The Abyss“ gemacht. Der Song wurde in Einverständnis mit Apostasy Records ausgewählt, da er eine starke Hookline hat und somit eine perfekte Single darstellt. 

Das Cover ist zumindest farblich an “Sylphlike” (nach der ersten Pressung) und “Towards The Twilight” angelehnt. Oder ist das Zufall? Ist das Motiv nach euren Vorstellungen entstanden? Gab es auch andere Optionen?

Das Cover wurde von Costin nur aufgrund der Eindrücke, die er durch den Titelsong in der Roughmix-Phase von uns dazu bekommen hatte, erschaffen. Er ließ sich also von Text und Musik inspirieren und kam dann mit diesem Cover um die Ecke. Der Horizont war in der Urversion allerings Weinrot, dass ließen wir dann schnell in die Sylphlike/Towards-Farben ändern, damit die Connection zu diesen Werken auch optisch klar herauskamen. Eine goldrichtige Entscheidung wie sich zeigt denn diese Sache steht jetzt fast in jedem Review drin.

Ihr seid jetzt bei Apostasy Records unter Vertrag. Und ihr wart bisher mit den Alben bei Nuclear Blast, Massacre und Lifeforce. Worauf habt ihr mit diesem Erfahrungsschatz besonders geachtet bei der Wahl des Labels?

Das war bei der Auswahl des Labels diesmal gar nicht wichtig. Wir waren bei der Entscheidung nicht auf uns allein gestellt und gut beraten, den Vertrag bei Apostasy anzunehmen. Die Deals Ende der 90er Jahre waren sowieso völlig andere und aus heutiger Sicht total überzogen, haha. Aus 30 Seiten wurden in den letzten 20 Jahren mal eben 2 Seiten. Und das ist sehr sinnvoll und bietet weniger Platz um Scheiße zu verstecken, haha.

Möchtest du etwas über die Zusammenarbeit mit dem Label sagen?

Ja. Sie ist sehr gut. Wir sind komplett begeistert, wie effektiv und mit wenig Aufwand so viel erreichbar war bis jetzt. Die Promotionarbeit, die Apostasy für uns geschaltet hat, ist jedenfalls in Deutschland total top gelaufen. Vor allem passiert alles in der richtigen Reihenfolge und mit dem bestmöglichen Timing. Das habe ich selten so erlebt. Ganz dickes Lob. Wir sind positivst überrascht und es bewahrheitet sich die Annahme, dass es besser ist auf einem Label zu sein, was Bock auf dich hat und vollkommen hinter deiner Sache steht. Natürlich ist das Album anscheinend auch ganz gut geworden, dass macht natürlich einiges einfacher, wenn Presse und Fans es gleichermaßen überall abfeiern. Ich hätte jedenfalls niemals für möglich gehalten, dass wir mit einem Label dieser Größenordnung im Hammer auf Platz 3 landen können und zeitgleich im Rock Hard und Legacy unter den Top 10 landen.

Wie wichtig war euch die Vinyl Version des Albums? Seid ihr Sammler?

Ich würde so etwas niemals als eine Bedingung ansehen, das wäre naiv. Da gibt es definitiv wichtigeres, worauf man achten muss beim Labeldeal. Aber wir haben uns gefreut, dass Apostasy den Vinyl Release von Beginn der Verhandlung an in den Vertrag aufgenommen hat und als dann auch noch unser Wunsch nach Gatefold realisiert wurde und Apostasy sogar noch mit dem orange transparent Vinyl einen draufsetzten, waren wir happy, klar. Tobias und ich sind noch immer aktive Vinyl-Sammler, Chris Adriano und Frank haben auch noch ihre alten Sachen, klar.

Die Songs sind fast alle knackig kurz. War das Absicht?

Nein, das war keine Absicht. Wir produzieren ja nicht wie Bon Jovi fürs Radio. Ich kontrolliere beim Songwriting also dann auch gar nicht erst, wie lange ein Song geworden ist. Das ist auch irgendwie bescheuert, wenn man, obwohl der Song nach 2:20 perfekt und schlüssig in sich ist und alles hat was er braucht, trotzdem dann hingeht und noch eine Minute Wiederholung einbaut, nur damit der Song dann 3:20 dauert. Wo ist da der Sinn? Du machst den Song nur weniger spannend und der Hörer wird ihn vermutlich deshalb seltener komplett anhören. Was das angeht, kann man viel vom alten Hardcore lernen, sowohl beim Songwritung als auch bezüglich der Live Performance: lieber 25 Miuten nur geballter Alarm und nur die 6-7 besten Songs als diese seltsame Metaller-Haltung von wegen „Value for money“ usw. Bullshit. “Reign In Blood” geht 27 Min., D.R.I.s “Violent Pacification” ist auch perfect wie es ist. Am besten ist ein Album, wenn man, während man es hört, niemals auf die Zeitanzeige des Players guckt, sondern nur der Musik zuhört. Wenn man auf die Zeitanzeige guckt und die Skiptaste sucht ist das kein gutes Zeichen, haha.

Bitte ein paar Worte zu jedem der Songs auf “The Last Sunsets”.

Nach einem von Dan beigesteuerten kurzen Intro geht es mit dem Titelsong zunächst mit einem eher ruhigen Aufgang los, nach dem ersten Break dann aber direkt mit viel Tempo nach vorne. Ich mag die Rhythmuswechsel in der Strophe ziemlich, weil da was passiert und die chaotisch klingenden Gitarren. Wir nennen sowas „Bienenschwarm-Style“. Der Chorus ist dann eher untypisch für das Album und hätte auch auf „Five Scars“ stehen können, bleibt aber in Verbindung mit dem Text sofort im Kopf, denke ich. Im Chorus ist übrigens neben Christian Müller auch Christan Mertens zu hören.

Mit „Dark Millennium“ folgt dann ebenfalls eine schicke Old-School Nummer, wie Sie heute seltener zu hören sein dürfte. Man findet solche Riffs eher bei Carcass. Die eingeschobene Bridge ist dann ein sehr schneller Part, der Adriano herausfordert. Besonders das Tombreak ist der totale Alarm.

Mit „The Mortal Soul“ kommt dann das wohl eingängigste Eröffnungsriff, der Beat ist definitiv der „Rhythmus-wo-man-mit-muss“. Der Pre-Chorus und Chorus ist von Marc Grewe übernommen worden. Zu dem Song gibt es ein Lyric-Video, das als erste Singleauskopplung veröffentlicht wurde.

The Passing“ ist ein rein akustisches Gitarrenstück, das auf Nylonsaiten gespielt wurde, damit es diesen besonders weichen Klang erhält. Es dient als kurze Verschnaufpause, bevor es mit „Architects Of Tyranny“ wieder voll auf die Zwölf geht.

Dieser Song ist vom Aufbau vielleicht der simpelste und brauchte nur sehr wenige Akkorde bzw. Riffs um zu funktionieren. In diesem Song gibt es übrigens das einzige verdammte Gitarrensolo des Album zu hören. Und das auch nur, weil mir der Text zu kurz geraten war und ich keine weitere Wiederholung einbauen wollte. Ich habe aber dieses einzige Solo des Albums nicht selbst spielen wollen. Ich habe immer mehr eine Allergie gegen Soli auf Melodeath Platten, die ergeben da für mich überhaupt gar keinen Sinn und wirken eher albern. Wie auch immer. Das Solo wurde von Aaron von der Chicagoer Death Metal Band Against The Plagues beigesteuert und es ist fantastisch wie es ist, haha. Er ist ein richtiger Fan der Band seit „Towards The Twilight“ und er ist aus allen Wolken gefallen, als ich ihn eines nachts per Whats App angerufen habe. Echt ein sehr netter Typ dieser Aaron und eine sehr gute Band. Jeder, der auf Morbid Angel und Nocturnus steht, sollte sich die Alben mal besorgen.

Mit „The Abyss“ folgt dann eine sehr eingängige und im Vergleich zum Rest des Albums eher rockige Nummer. Die Lead-Gitarren erinnern sicherlich an die alten In Flames Hits zu Ende der 90er. Hierzu haben wir unseren erstes Musikvideoclip unter der Leitung von Razvan Raduta produziert, der für den Dreh extra aus Rumänien eingeflogen kam.

Es folgt „The Spears Within“, eine kurze harte Melodeath Nummer, die ohne Vorwarnung losbricht und beim Proben sehr viele Spass macht. Der Song hat keine Bridge und besteht nur aus Energie und Hass, haha.

Circle Of Degeneration“ fällt durch seine Andersartigkeit auf. Er beginnt sehr getragen und baut nur langsam mit jedem Takt eine bedrohliche Spannung auf, die sich nach einem Break dann in einem Black Metal Riff entlädt. Mit Black Metal meine ich hier Sachen wie Covenant, Old Mans´ Child oder Dimmu Borgir, von denen wir sicherlich auch immer etwas beeinflusst waren. Ebenfalls ein totales Kopfnicker Basisriff. Der Song mündet getreu dem lyrischen Circle-Schema logisch wieder in das Anfangsthema, somit schließt sich hier der Kreis. Wie alle Songs des Albums hat der Song nur die Elemente, die er wirklich brauchte. Es war mir wichtig, dass in den Songs jeweils ein Hauptthema im Sinne eines Song-Charakters erkennbar bleibt, und nicht gleichgewichtete Anteile nach dem Prinzip „Strophe-zu-Pre-chorus-zu-Chorus über Bridge und-Solo-zur-Wiederholung“ die Wirkung versauen und alles platt machen.

Kingdom Of The Lost“ ist dann ein sehr harter, schneller, komplexerer und sehr düsterer Track. Im Chorus ist noch mal Dark Millenniums´ Christian Mertens zu hören. Gegen Ende des Tracks singt er den Chorus mit Müller im Wechsel, was ziemlich gut kommt, wie ich finde.

Nach dem ruhigen Pianostück „Cessation“ folgt mit „In Pain, In Silence“ ein weiterer untypischer Song. Er ist untypisch aus gleich 5 trifftigen Gründen: 1. War er lediglich als Album-Outro geschrieben worden 2. Ist er statt in C-Tuning in Standard E-Tuning und zudem auf einer ganz anderen Gitarre eingespielt worden 3. Ist er stilistisch weitgehend anders, so erinnert er sicherlich eher an Swanös Moontower-Projekt oder Amorphis als der Rest des Albums. Sehr verträumt also. 4. Singt diesen Song „V“, seines Zeichens Sänger der deutsch-rumänischen Black Metal Kommune „The Wake“, der auch den Text beigesteuert hat und diesen daher auch so krass authentisch darbietet. 5. Habe ich 50% des bereits eingesungenen Textes vor dem Mix noch schnell gelöscht, damit der Song vorher mehr atmen konnte. „V“ fand das zwar gar nicht lustig, aber durch genau diesen kleinen Eingriff baut die Riffabfolge nun ganz allmählich einen richtig schönen Spannungsbogen auf, der sich dann mit Einsetzen des sehr aggressiven Gesangs entlädt.

Der letzte Song ist dann „Dust And Form“. Es ist eine schön harte Nummer, die mit einem eher Amorphis-1000-Lakes Riff eingefaded wird. Das Strophenriff galoppiert stilecht im 6-Achtel-Takt. Den Text hat Martin von Harasai beigesteuert und im letzten Part des Songs brüllt und gurgelt dann Martin Matzak (ex Torchure) alles in Grund und Boden und zeigt am Ende noch mal so richtig schön, wo der Death den Hammer hängen hat.

Beim ersten Hören ist mir besonders der epische Beginn von “Circle of Degeneration” aufgefallen. Irgendwie hätte ich einen vertrackten Mammut-Song erwartet, doch auch dieser ist relativ schnell wieder zu Ende.

Stimmt, der fällt durch den langsamen Spannungsaufbau etwas aus der Reihe. Viele schrieben uns bisher, das dieser Song der stärkste sei. Soweit würde ich zwar nicht gehen, aber er biete sicherlich einige der besten Momente. Er ist so kurz gehalten weil so wie er jetzt ist alles notwendige sagt und wir ihn nicht künstlich in die Länge ziehhen wollten. Das gilt übrigens für das ganze Album, haha.

Bei “Kingdom of the Lost” fühle ich mich nicht nur durch den unverwechselbaren (Gast-)Gesang an Dark Millennium erinnert. Oder bilde ich mir musikalische Ähnlichkeiten ein?

Ich sehe da musikalisch keine Parallelen, aber ich nehme es mal als Kompliment auf. Ich schätze diese Band sehr und freue mich, dass Christan auf unserem Album ein paar Sätze zum besten gibt. Als junger Spund war ich wie auch bei Morgoth und Torchure ein richtiger Fanboy und habe “Diana Read Peace” in meinem Leben sicherlich schon 2000 mal gehört, haha. Die Platte fasziniert mich nach wie vor. Ein Genuss im Dunkeln über Kopfhörer übrigens. Da kann man völlig eintauchen und Abschalten.

Ihr habt einige hochkarätige Gastmusiker eingespannt. Warum so viele? Wie kam es dazu? Das ist bis auf Anselm eine ziemlich nostalgische Mischung. Und habt ihr Wunschkandidaten für die nächste Scheibe übrig gelassen?

Och, das mit den Gastsängern hat sich irgendwie plötzlich so ergeben. Es begann damit, dass ich Martin von Torchure auf einer Gloryful Show traf und ihn fragte, ob er noch so geil brüllen könne und ob er Bock hätte auf der Comeback-Platte von Night In Gales schön was einzugurgeln. Als das abgemachte Sache war, war ich auf den Geschmack gekommen und habe mal kurz überlegt, wer noch in Frage kommen würde. Marc hatte ich mal flüchtig beim Winternachtstraum Festival in Arnsberg kennen gelernt. Nachdem er das Material gehört hatte, sagte er ebenfalls zu. Und da ich zu der Zeit die neue Dark Millenium ständig beim Kochen in der Küche im Ghettoblaster laufen hatte, überlegte ich, wie ich an den Mertens heran kommen könnte. Das lief dann in Rekordzeit über Tobbe, der überraschenderweise und ohne dass ich es geahnt hätte, mit Hilton, dem Gitarristen der Band, schon seit Jahren in Kontakt stand, haha. Er hat dann den Kontakt zwischen uns hergestellt und ich habe mit Christian telefoniert. Nachdem er sich die Songs angehört hatte sagte auch er zu. „V“ von The Wake ist ein sehr enger Freund von mir und Anselm stand wiederum mit Tobbe in regem Kontakt. That´s the whole story.

Habt ihr eigentlich schon neue Songs?

Nein, noch ist nichts geschrieben. Ich hatte kürzlich Ideen für 2 neue Songs im Kopf, die schleppe ich seitdem mit mir rum. So fängt das meistens an und irgendwann, wenn man die richtige Stimmung hat und vor allem etwas Freizeit, dann geht es los. Mein Plan ist aber nicht vor Ende April mit dem Schreiben anzufangen.

Wie hat sich euer Stil durch die Besetzungswechsel (Schlagzeug und Gesang) in der Geschichte der Band deiner Meinung nach gewandelt?

Das kann man sehr leicht nachvollziehen, indem man sich die Alben nacheinander anhört und in den Beipackzettel schaut, haha. Ich versuche es mal rasch aus meiner Sicht zusammenzufassen: Björn war es ab „Thunderbeast“ (1998) mehr und mehr wichtig, dass er sich als Sänger weiterentwickeln konnte. Deshalb experimentierte er auf Nailwork sehr viel herum mit verschiedenen Stilen. Auf diesem Album passte es auch sehr gut zu dem generellen Crossover, den wir zu der Zeit spielten. Da probierten wir ja generell einiges neues aus. Musikalisch war zu eben dieser Zeit auch unser alter Drummer Christian von stilistischen Standards und Stilgrenzen eher genervt als begeistert, und so steuerte er auch ordentlich mit am Kurs Richtung Progressive Metal. Dazu kam noch, dass wir uns aus heutiger Sicht gefühlt auf einer jahrelangen Dauerparty befanden, und vieles auch einfach machten, ohne über mögliche Konsequenzen nachzudenken.

Mit Adrianos und später mit Christan Müllers Einstieg war dann die klare Rückbesinnung Richtung purem old school Melodeath klar. Da wurde gar nicht drüber gesprochen, das war allen klar und es ist ganz einfach das, was alle spielen wollten.

Apropos Geschichte der Band, wie kam es zu der “Ashes & Ends” Compilation CD? Ist sehr schön geworden! Auch die Aufmachung mit dem Towards The Twilight Endzeit Cover, dem historischen Abriss, den vielen Fotos (sogar vom Eternity Festival) und den Lyrics zum Download.

Matthiew vom amerikanischen Label Tribunal Records hat ein Sidelabel namens Divebomb Records. Er ist Fan der ersten Stunde und mochte vor allem die 2005 erschienene „Ten Years Of Tragedy“ EP. Er wollte uns damals vor „Five Scars“ schonmal signen, aber dann haben wir uns ja für Lifeforce entschieden. Auf seinem Divebomb Label veröffentlicht er nur Herzensangelegenheiten, also lang vergriffene Schätzchen, vor allem aus den 80ern und 90ern. Es war also seine Idee, und wir haben uns gefreut, dass er damit auf uns zu kam. Es war ein tolles Projekt die ganzen Fotos und Stories zusammenzutragen und das Resultat kann sich echt sehen lassen und dokumentiert wunderbar die Abschnitte der Band von 1995 – 2010.  Ich habe just heute noch mal eine Kiste „Ashes And Ends“ bei Matthew nachbestellt. Wer noch keine hat, kann die also in Kürze wieder über unseren Bandcamp-Store oder via ebay bei uns bestellen.

Ihr habt 2008 eine Sylphlike Reunion Show gespielt. Was war das genau? 

Das war eine Idee im Rahmen des Evil Horde Metalfests, das ich eine Zeit lang veranstaltet habe. Ich weiß gar nicht mehr warum und weshalb wir das gemacht haben. Wahrscheinlich um den Laden voll zu kriegen und weil alle verfügbar waren an dem Tag, weil Sie ohnehin mit anderen Bands am Start waren, haha.

Wenn du eins eurer Alben neu aufnehmen könntest, welches würdest du auswählen und warum?

Definitiv Thunderbeast, denn da habe ich Probleme mit einigen Tempi, in denen die Songs eingespielt wurden und mit dem kompletten Sound, vor allem dem Gitarrensound. Der lief damals durch SPL Hamonizer, und da wurde ordentlich dran geschraubt, weil die Dinger neu bei Wolfgang eingetroffen waren zu der Zeit als wir bei Ihm im Studio waren. Da musste er die halt ausprobieren, haha.

Du bist in vielen Bands/Projekten involviert. Hast du so viele Ideen oder kannst du einfach nicht genug bekommen? War dir das schon mal zu viel?

Neue Projekte / Band wurden eigentlich immer nur dann geboren, wenn die eigentliche Hauptband ein Break einlegen musste oder man da erstmal keine Perspektive mehr hatte für ein neues Album. Viele Sachen, die jetzt erst raus kommen sind schon aber auch schon mehrere Jahre alt, wie z.B. das The Wake Album oder die Sub-Orbital Scheibe, die 2018 ansteht. Diese Sachen wurden halt nur nicht mit Priorität behandelt und dann dauern die etwas länger bis die fertig werden. Die Zeit ist in der Tat viel zu knapp, das kann so auch sicher nicht ewig weitergehen. Aber irgendwas treibt mich. Es macht halt Sinn für mich, wenn mit relativ wenig Aufwand gute Alben dabei heraus kommen. Dann macht man damit einfach weiter bis einem irgendwann nix mehr einfällt, haha.

Wichtig ist, dass man lange Pausen macht. Ich spiele zum Beispiel niemals freiwillig Gitarre oder schreibe aus Spass oder Langeweile Songs. Das passiert nur, wenn ich mir eine Deadline gesetzt habe oder mir jemand eine Deadline oder ein Songwriting Termin setzt. Kreative Pausen sind ultra wichtig, damit man danach wieder gute Sachen schreiben kann, ohne lange drüber nachzudenken. Es kommt dann ganz von alleine, weil sich die Ideen an der Riff-Schleuse angestaut haben.

Und was inspiriert dich musikalisch?

Das ist schwer zu sagen. Ich denke, es ist die komplette Welt, in der ich mich bewege, also alles, was auf mich wirkt. Es ist vielleicht auch zu einem großen Teil die Erinnerung an eine Vergangenheit, insbesondere an Musik, die ich früher in der wichtigsten Zeit gehört habe und heute stark vermisse, da sie niemand mehr so gut spielt und schreibt wie damals.

Ich denke an Bands wie die ganz alten My Dying Bride und Anathema, Paradise Lost und Amorphis, die erste Cradle Of Filth und natürlich auch die ganzen Frühwerke von At The Gates, Dark Tranquillity, In Flames, Eucharist, Dissection oder auch Atheist. Wenn ich dann allerdings mit dem Ziel, eine Night In Gales Scheibe zu schreiben, an die Gitarre gehe und loslege, kommt nur das heraus, dass auch in diesen Kontext passt. Ich muss also nach dem Prozess nicht 20 Punkrock und 15 Powermetal-Songs wegschmeissen, die dazwischen „passiert“ waren oder so. Andere für mich sehr prägende Bands was Kompositionen und Gitarre angeht sind ganz klar Thin Lizzy, AC/DC, Iron Maiden, Judas Priest, Manowar, Metallica und Guns n´ Roses.

Was ist eigentlich mit dem Projekt Sub-Orbital mit Adriano? Gibt es da schon was konkretes?

Das Album wird jetzt bis Sommer endlich fertig gestellt werden und stilistisch feinsten US-Death Metal der Marke Corpse (zu „Eaten Back To Life“-Zeiten), Atheist, Nocturnus, Death und Deicide bieten. Das wird sicher sehr gut aufgenommen werden, da das Album wirklich sehr starkes Songmaterial enthält.

Lyrisch geht es natürlich um Kriege fiktiver Zivilisationen in fernen Galaxien, also im Detail auch um ausgefallene Schutzschild-Generatoren, intergalaktische Meteoritenstürme, Wiederaufbau von Zivilisationen im Sub-Orbitalen Räumen und und und. Sehr interessanter Stoff also. Am Gesang wird Marc von Selfdevoured zu hören sein und am Fretless-Bass Daniel Perl (Gloryful). Ein Label wird für die Veröffentlichung aber noch gesucht.

Klingt sehr interesant. Gibt es z. B. stilistisch (oder in anderer Hinsicht) noch Herausforderungen? Etwas, das du gern noch machen würdest (musikalisch)?

Im Moment bin ich musikalisch voll ausgelastet und zufrieden mit den Sachen, die ich mache. Fürs Alter habe ich auch schon einen Plan: ich werde dem Lebenswerk Scott Gorhams und Phil Lynotts in einer Thin Lizzy Coverband Tribut zollen. Mal sehen, ob es dann auch so kommt. Es kann auch gut sein, das ich immer weiter Alben rausbringen werde und gar nicht zum Covern kommen werde, aber wer weiß das schon.

Ach ja, ich hoffe demnächst, wenn ich mein Kellerstudio endlich eingerichtet habe, wieder mehr Zeit zum Schlagzeug spielen zu finden. Da komme ich schon seit Jahren nicht mehr zu. Drums würde ich gerne in einer Ramones- und Bad Religion Coverband spielen. An neuen Instrumenten würde mich Cello reizen, mal sehen. Spass hätte ich auch am Fretless-Bass in einer Thrash Band, aber das sind nur Hirngespinste.

Bleiben wir bei den Gitarren. Wie viele hast du? Gibt es einen oder mehrere Favoriten?

Ich weiss es nicht genau, es müssten so an die 20 sein mit den akustischen. Allerdings sind da auch viele Leichen dabei und restaurierungsbedürftige Teile, die in  der Zeit von 1995 – 1998 heftig oft live im Einsatz waren. Da müssen Hälse neu bundiert werden, PU-Rahmen, ganze Floyd Rose Systeme ersetzt werden usw., so dass die Kosten für die Instandsetzung den heutigen Neuwert erreichen würde.

Da kann man sich über ein Endorsement dann besser gleich eine ganz neue Axt kaufen als Geld in die alten zu stecken. Man muss sich auch manchmal eine neue Gitarre gönnen, das musst du verstehen.

Meine aktuelle Lieblingsgitarre ist ganz klar meine Fender Dave Murray Signature Mexico, da die perfekt am Körper anliegt und eine 22er Scale hat und somit sehr klein und handlich ist. Dann ist sie ultrahübsch mit der dark 3-tone sunburst Lackierung und dem crackled-Perlmutt Pickguard, in dem 3 Hotrails prangen! Das sind Humbucker im SInglecoil-Format. Absolut ein Traum das Teil und 100ig stimmfest, da ala Eddy VanHalen das Tremolo System nur nach vorne, aber nicht nacht hinten gekippt werden kann.

Ich habe schon überlegt, mir noch 1 – 2 Kopien dieser Gitarre neu zu kaufen, damit ich die immer spielen kann, selbst wenn meine jetzige mal eine Krankheit bekommen sollte oder kaputt geht. Bei Night In Gales spiele ich allerdings eher ESP LTD Modelle oder Shecters mit aktiven PUs, damit die tiefer gestimmten Saiten präsenter durchkommen.

Im Video zu „The Abyss“ spiele ich eine alte Jackson King V von meinem Bruder, die lag ebenfalls super in der Hand.

Momentan reden viele in meinem Unfeld darüber, was früher in der Szene besser war. Nun frage ich mal: was ist heute besser (als z. B. in den 90ern)?

Nichts, aber auch rein gar nichts ist besser als in den 90ern. Ah warte, doch: die Preise für Merchandise-Produktionen sind wesentlich günstiger und man kann schnell mal ohne Risiko 100 Shirts printen. Früher wusste ich gar nicht, wen ich dazu anrufen soll und wer das alles bezahlen soll. Geschweige denn, wer das Motiv anfertigt, haha.

Was waren die Höhepunkt der Night In Gales Laufbahn?

Das erste Konzert mit Night In Gales in einem kleinen Kaff damals 1995 war damals schon das erste Highlight, weil die Reaktionen auf die Musik allein schon so euphorisch waren. Das war natürlich eine wichtige Erkenntnis um weiterzumachen erstmal. Die klassischen Höhepunkte waren dann das Signing bei Nuclear Blast (Markus Staiger traf uns kurz danach dann bei einer Show, die Markus „Lachsack“ Rösner von MDD Records organisiert hatte.

Er kam zu uns in den Bulli um in die ersten Songs von Towards reinzuhören), die ersten fetten Support-Shows für Dimmu Borgir und Cradle Of Filth, die erste Europatour mit In Flames, die Headliner Show auf dem zweiten Summer Breeze Open Air ever, die zweite Europatour mit Dismember, der 1998er Auftritt auf dem Wacken Open Air, die drei-wöchige Europatour mit Gorgoroth, Old Mans Child und Krisiun und als absolute Krönung die Japan Tour mit Defleshed und Dew-Scented. 

Richten wir den Blick auf die Zukunft. Was wünscht ihr euch für Night in Gales?

Wir wollen ein neues Album machen und an den Erfolg von „The Last Sunsets“ anknüpfen und eine verlässliche Instanz im Old School Melodic Death Metal bleiben und vielleicht diesen Stil sogar etwas wiederbeleben. 

Und damit andere Bands dazu ermutigen, diesen Stil mit dem  Ehrgeiz, den bestmöglichen Song nur mit den traditionellen Stilmitteln zu schreiben, zu betreiben. Wir würden gerne noch mal nach Japan und in die USA, und ein paar Abstecher in europäische Länder machen. Mal sehen was davon umsetzbar sein wird.

Last words

Danke Dir Katja für dieses nette Interview und generell für den Support seit unserem ersten Brief 1995.

https://night-in-gales.com

Fotos: Night In Gales/Katrin M. Meier

(Artikel aus Eternity #23)