Disillusion Interview

Zurückblickend auf eine lange Zeit der Abwesenheit kehrten DISILLUSION zu einem ausverkauften Auftritt in ihre Heimatstadt zurück. Im Rahmen dessen ergab sich die Möglichkeit zu einem Interview mit dem Bandkopf Andy Schmidt und es konnten einige interessante Antworten zum neuen Song „Alea“ und auch zum geplanten nächsten Album entlockt werden.

Kurz nach Einlass wurde ich dann auch im Eingangsbereich abgeholt und in die heiligen Hallen des Backstagebereichs begleitet. Da an diesem Abend das abschließende Konzert der Tour stattfand, war ich mit meinem geplanten Interview nicht alleine und musste kurz abwarten, bis mein Vorgänger seine Befragung beendete. Bald darauf erschien jedoch ein gut gelaunter Andy Schmidt im Türrahmen und ließ sich von Aufregung oder Zeitdruck nichts anmerken.

Und während im Bühnenbereich reges Treiben herrschte, konnte sozusagen im fliegenden Wechsel das nächste Interview in einem kleinen, ruhigen Nebenraum beginnen.

Es war jetzt länger still um Disillusion. Was ist in der Zeit bei euch passiert und wie habt ihr die Schaffenspause genutzt?

Andy: Das alles in einen Satz zu verpacken ist natürlich nicht ganz so einfach. Mir ist heute morgen auch erst wirklich bewusst geworden, dass wir vor fünf Jahren das letzte Mal in Leipzig gespielt haben. Und dass die letzte Platte 2006 rauskam… ist nun eben auch so, wie es ist. Aber das letzte Konzert in Leipzig vor fünf Jahren… was sagt uns das?

Das soll nicht esoterisch klingen, aber meine Antwort ist, dass alles so lange gedauert hat, wie es eben gebraucht hat. Damit wir uns auch einfach wieder mit Lust und der entsprechenden Energie, die das braucht, wieder ans Werk machen können. Da es eben auch heftig und anstrengend ist, eine Band einfach mal so wieder an den Start zu bringen und weiterzuführen. Vielleicht weil wir auch gewisse Ansprüche haben. Ansprüche an uns selber, die womöglich auch mal zu groß sind. Auf jeden Fall ist klar, dass das viel Energie kostet und deswegen hat es so lange gedauert, da es eben auch seine Zeit braucht, wieder richtig Bock darauf zu haben.

Wie du schon sagtest, ist es bereits eine Weile her, dass ihr zuletzt in Leipzig aufgetreten disillusio 2seid. Ist es etwas besonderes für euch, wieder in eurer Heimat zu spielen?

Andy: Ohja, aber hallo! Das ist auf jeden Fall immer so eine Art Meilenstein. Wir könnten zwanzig oder von mir aus fünfzig Konzerte spielen und es kann auch jedes mal großartig werden. Sobald du aber in der Heimat, in Leipzig, auftrittst, heißt das auch Familientreffen. Alle sind da. Das ist etwas besonderes. Immer ist etwas abgeschlossen oder etwas beginnt, eins von beidem. Heute beginnt natürlich etwas.

Gleichzeitig endet jetzt aber auch das Jahr, welches für uns auch sehr erfolgreich war. Wir haben die Band wieder an den Start gebracht und zwar mit aller Konsequenz. Das ist natürlich geil. Da ist auch deutlich mehr Aufregung da, als bei entsprechenden anderen Konzerten. Wir hatten dieses Jahr auch Konzerte, die deutlich größer waren als heute Abend, aber trotzdem: es ist etwas Besonderes.

Ihr hattet auf eurer Seite auch mitgeteilt, dass es genau heute auch einen neuen Song zu hören gibt. Hast du zu dem neuen Song ein paar Worte?

Andy: Er ist… geil. (lacht)

Und könnte man sagen, dass der neue Song auch Auftakt für ein neues Album ist?

Andy: Es wird jetzt auf jeden Fall ein neues Album geben. Lange Rede, kurzer Sinn: das wird sicherlich nicht morgen passieren. Bald werden allerdings klare Annoncen diesbezüglich rausgegeben, wie das genau laufen wird. Wir fanden das auf jeden Fall wichtig und gut, auch für uns als Band. Klar, es gab jetzt viele Konzerte nur mit „Back to Times of Splendor“ und das hätte man auch durchaus missverstehen können…

Wie auch immer und das meine ich auch strategisch: auch wir brauchten unseren neuen Song. Wir brauchten neues Material für uns. Wir wollen natürlich auch einfach ein Release haben. Und wir werden diesen neuen Song – der natürlich auch mit Überlänge glänzt, nämlich elf Minuten (lacht) – dann auch physisch releasen. Das wird zeitnah passieren und zwar im März schon. Von diesem Punkt an werden wir dann weitergehen.

5 disillusionIhr habt auf eurem letzten Konzert, nämlich auf dem LEAFMEAL Festival in Dortmund, euer Debütalbum in Gänze performt. Was stand denn hinter dieser Entscheidung?

Andy: Genau, das gab es dieses Jahr drei mal. In Wien, in Köln und in Dortmund. Dem liegt tatsächlich eine Einladung zugrunde. Es gab konkret die Anfrage, „Back To Times Of Splendor“ zu spielen, wobei wir selber vorher gar nicht auf die Idee gekommen sind, sowas mal zu machen. Das Doofe ist, dass uns das nicht selbst eingefallen ist, weil das einfach gnadenlos gut funktioniert.

Das funktioniert eben gut und hat natürlich auch eine Art Orientierung in sich. Das hat was damit zu tun, dass genau dort konkret unsere Stärken liegen. Kompositorische Stärken und Spielstärken. Ich glaube, was wir wirklich gut können, sind emotionale Welten konkret im Metal zu bauen, zu machen, zu leben und zu erleben.

Das hat insbesondere auf „Back To Times Of Splendor“ ziemlich gut funktioniert, sage ich jetzt mal. Insgesamt war das eine super Gelegenheit, wieder zurückzukommen. Und eine tolle Chance, genau so etwas zu machen und zwar konkret so etwas. Nicht nur konkret „Back To Times Of Splendor“, sondern letztendlich auch… Okay, das klingt vielleicht etwas nüchtern, aber konkret die Kompositionsart und sich Zeit zu lassen. Die Dinge sich entwickeln zu lassen. Räume schaffen und wieder Zeit lassen, zur Seite zu gehen und es wieder aufzugreifen. Es gibt kein Korsett.

Wenn du schon konkret Metal ansprichst: seht ihr euch denn eigentlich als Metalband?

Andy: Ach… ich will hier niemanden vor den Kopf stoßen, aber ich habe uns NIE als Metalband gesehen. Ich bin Musiker. Punkt. Klar, ich liebe fette Gitarren und ich liebe krasse Schlagzeuge und Snares und das alles. Ja, das ist dann schon das Format, in dem man das alles findet, aber für mich selbst brauche ich dafür keine Gruppenzugehörigkeit. Das bedeutet natürlich nicht, dass ich das nicht geil finde oder nicht selbst gerne auf Metalkonzerte gehe. Gleichzeitig ist das vielleicht aber auch einschränkend; es gibt so viele Sachen.

Eben, wenn man sich nicht festlegt, hat man auch viel mehr Einflüsse, die man einbringen kann.

Andy: Richtig, das ist die Idee.

Auf eurer Internetseite ist zu lesen, dass ihr für euer letztes Album „Gloria“ David Lynch als Einfluss nennt. Kannst du erläutern, wie ihr darauf kommt und was das zu bedeuten hat?

Andy: Wir wollten für „Gloria“ – obwohl das jetzt sehr „vom Kopf“ klingt und das war natürlich auch ein Entstehungsprozess – eine deutlich urbane Platte. „Gloria“ war als urbane Platte gedacht. Und natürlich, die Verbindung von David Lynch und Metal ist nicht ganz auf unserem Mist gewachsen, aber das trifft es eben und zwar wunderbar. Nämlich insofern, als dass David Lynch Filme oder Serien produziert, die… Wie soll ich das ausdrücken? Das ist eine gute Frage, aber wir haben ja noch ein bisschen Zeit. (lacht)

Er produziert Filme, die surreal sind. Das trifft es vielleicht erstmal am ehesten. Es gibt bei ihm eine ganz fiese und dann ganz nüchterne Darlegung von menschlichen Verhaltensweisen, Gedanken, Emotionen und Ängsten. Und das sozusagen posthum, also nachdem die Platte schon draußen war, als Bezeichnung zu legen, traf das, was wir vor hatten, genau richtig. Auch in welchen Spannungen wir uns selber bewegt haben. Die Stimmung auf der Platte ist ja nicht zufällig. Sie ist ja genau so kalt, düster und unterkühlt, aber trotzdem wirkt es die ganze Zeit, als würde jemand bzw. ein Mensch um die Ecke zuschauen. Irgendwas stimmt eben nicht auf dieser Platte und insofern denke ich schon, dass das passt.

Und nun die alte Frage:
Wenn zwischen euren beiden Alben so viele Unterschiede liegen, kann man bei dem nächsten Album auch eine neue Wendung erwarten?

Andy: Natürlich, jede Geschichte die irgendwann beginnt und irgendwann endet, ist eine eigene Geschichte. Aber jetzt ist es natürlich nicht so, dass wir in den letzten 10 Jahren, was weiß ich, mit einer Break-Beat-Combo auf Tour waren oder irgendwie so. Sondern wir haben immer unser Ding weitergemacht. Es wird also wieder eine Disillusion-Platte und zwar in dem Sinne, dass wir genau das machen, was wir gut finden und was wir auch immer gut gefunden haben. Ich hatte vorhin schonmal versucht, das zu sagen. Wir haben uns auch bei dem neuen Song, den wir heute Abend spielen, deutlich auf unsere Stärken konzentriert. Die sehen wir eindeutig in der Atmosphäre. Und die Songs dürfen dann eben auch lang werden und sie dürfen sich entwickeln. Sie dürfen auch einladend sein und durchaus auch warmherzig und dann auch wieder energetisch, hochenergetisch.

Ist denn die Atmosphäre so etwas wie ein roter Faden, der sich bei Disillusion immer weiterzieht und so beabsichtigt ist?

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Andy: Ja, das ist sogar etwas, was sein muss. (lacht) Da haben wir natürlich das Rad auch nicht neu erfunden. Ich persönlich finde das nach wie vor vor allem bei „Back To Times Of Splendor“ – und zwar ohne Eigenlob, das passiert einfach.. Ich leg’ die Platte selber ab und an mal rein, einmal im Jahr oder so, und bin fasziniert, was ab Minute 20 so passiert. Wenn man dann plötzlich da drin ist und tatsächlich plötzlich sind da 57 Minuten vorbei. Im Sinne von „Was ist jetzt passiert? Was war denn das jetzt?“ (lacht).

Es gibt aber auch wiederum kein Gefühl von Überschwemmung im Kopf oder Erdrückung in der Brust oder so. Sondern es ist eine Einladung. Man darf danach mit breiten Armen sozusagen dastehen und das meine ich mit Atmosphäre. Das darf jeder selber sehen und es gibt sicherlich auch andere Auslegungen. Aber diese Intensität einer Platte – und da kann man jetzt auch Pink Floyd rausholen, wenn man will – das finde ich dann einfach großartig. Und das schafft man glaube ich nicht mit zwölf Songs – selbst wenn’s gut gemacht ist – aneinander gebaut. Das geht vom Format her nicht.

Okay, dann würde ich im Anschluss gern wieder auf „Gloria“ zu sprechen kommen. Ich habe das Statement von damals gelesen, dass das Album vielleicht irgendwann mal remastered werden sollte, weil es euch eventuell selbst nicht so gut gefallen hat. Und wie sieht das heute aus, nach fast zehn Jahren?

Andy: Wir sind bei „Gloria“ am Ende massiv unter Zeitdruck geraten. Das war einfach so. Wenn es jetzt die Gelegenheit gäbe und vor allem die finanziellen Mittel und ich auch die Zeit hätte, mich damit zu beschäftigen, würde ich es gerne nochmal mixen. Und das ein oder andere nochmal aufnehmen. Um vielleicht auch nochmal ein bisschen deutlicher zu machen, was da eigentlich der Plan war. Wir spielen natürlich auch heute wieder nicht wenige Songs von „Gloria“ live. Die haben zum Teil auch schon massive Eingriffe erlebt. Wie gesagt, am Ende gab es Zeitdruck und das hört man wahrscheinlich auch hier und da. Ich kann jeden verstehen, der oder die das Album vielleicht an manchen Stellen etwas suboptimal fand.

Das sei mal dahingestellt. Okay, nun interessiert mich, wie es mit Disillusion weitergehen soll. Du hast ja am Anfang bereits gesagt, was jetzt alles ansteht, aber was ist ansonsten der Plan oder was habt ihr noch vor?

Andy: Den Song, den wir heute Abend spielen, werden wir auf jeden Fall im März physisch rausbringen. Das ist uns extrem wichtig. Und dann geht es oder währenddessen geht es eigentlich schon direkt an die neue Platte. Wir werden eine neue Platte schreiben, bauen, machen, tun .. und Gas geben, dass die sehr zeitnah rauskommt. Es wurde schon ein paar Mal gesagt, dass wir was Neues machen. Aber wenn ich das heute sage, dann meine ich das nicht nur ernst sondern dann ist das auch so. Wir sind jetzt wieder da und wir sind vor allem auch als Band wieder da. Wir sind alle mit dabei. So ist es. Gas geben und die neue Platte kommt dann. Das klingt natürlich herrlich vage, aber…

Okay, hast du noch einige Worte, die du gerne loswerden möchtest, so knapp vor eurem Auftritt?

Andy: Ja… Naja, das klingt vielleicht pathetisch, aber wie gesagt, es ist wirklich so: Im Herzen ist da eine Große Dankbarkeit. Für und an alle, die uns hier unterstützen. Aber uns vor allen Dingen auch schon so lange und über so lange Durststrecken unterstützen als wäre es erst gestern gewesen. Und jetzt wieder so am Start zu sein… die Hütte ist ausverkauft heute. Ich hab die letzten Konzerte mitgekriegt… naja, ich war ja dabei. (lacht) Die letzten Konzerte, die wir gespielt haben, waren der Hammer und da stehen die Leute plötzlich da und singen die ganzen Texte mit. Von vorne bis hinten! Das war vor Jahren nicht ganz so und jetzt ist das aber so und dafür bin ich wahnsinnig dankbar. An alle!

Vielen Dank für das Interview.

Andy: Danke dir.

 

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