Verdict Interview

Verdict sind Thrash-Veteranen, die seit einigen Jahre die Bühnen der Republik beackern und sich mit zwar wenigen, dafür aber voller Herzblut und roher Energie strotzenden Alben auch den Respekt der Fans erspielen konnten. „Assassin: Nation“ heißt ihr aktuellstes Pfund, „The archangel“ oder „Waiting for salvation“ sind Kracher, die Eure Nackenmuskeln penetrieren werden. Im Smalltalk mit Basser Dave erfuhr ich einiges Wissenswerte über „Assassin:nation“, die Gegensätze der Gesellschaft, Nazis, Bierbäuche und spärliche Kopfbehaarungen. Aber lest selbst…

Moin Dave, wie kommt′s das Ihr immer so lange Zeit bis zu einem neuen Album benötigt? Zwischen “Assassin: nation” und “Generation: Genocide” lagen schlappe vier Jahre. Davor waren es auch immerhin drei Jahre von einem Release zum nächsten.

Hallo Kai. Erstmal Danke für das Interview und das coole Review! Immer wieder schön, wenn man merkt, dass sich die Mühen der letzten Jahre gelohnt haben. Zu deiner Frage: Wir sind einfach faule Schweine… Hehe… Nee, im Ernst: normalerweise brauchen wir immer ein bisschen um nach einer Produktion wieder in den Songwriting-Modus zu wechseln. Außerdem hatten wir einige wichtige Shows am Start und da wir die Songs gemeinsam im Proberaum schreiben, ging doch einiges an Zeit drauf. Dieses Mal zog sich auch die Aufnahme zu „Assassin: nation“ sehr lange hin, da wir alles in Eigenregie aufgenommen haben und auch für den Sound, sprich den Mix und das Mastering verantwortlich waren. Dazu kam noch, dass wir verletzungsbedingt etwas gehandicaped waren, da unser Drummer Florian am Handgelenk operiert wurde. Es handelte sich dabei um eine gutartige Zubildung an den Nerven. Mittlerweile ist zum Glück wieder alles ok.

“Assassin: nation” bringt ihr in Eigenregie raus. Der Vorgänger konnte noch auf die Unterstützung von Twilight bauen. Bewusster Schritt zurück bzw. hin zur Komplettkontrolle oder hat sich labeltechnisch nichts ergeben?

Ein weiterer Grund für die lange Wartezeit. Da sich Twilight von uns getrennt haben, weil sie von uns wohl zu wenig abgesetzt haben (offizielles Statement „dass sie sich mehr erhofft hatten“), wollten wir natürlich für „Assassin: nation“ einen neuen Labelpartner finden. Die Suche hat einige Monate gedauert und blieb leider doch erfolglos. Es hatte aber auch Vorteile. Wir konnten uns auf unsere Arbeit konzentrieren und unsere Vorstellungen umsetzen. Da ich wieder für das Coverartwork verantwortlich war, konnte ich Schalten und Walten wie ich bzw. wir wollten. Etwas Support von einem Label wäre aus werbe-technischen Gründen für die neue CD halt sehr schön gewesen, da so eine Firma mehr Möglichkeiten hat als „normale“ Privatpersonen. Jetzt versuchen wir eben mit den Mitteln die uns zur Verfügung stehen die Scheibe zu promoten.

War Euch bewusst, dass bereits Krisiun eine CD mit fast identischem Titel (“AssassiNation”) wie Ihr heraus gebracht hat?

Es war uns nicht bewußt. Allerdings sehe ich das nicht als Problem. Zum einen ist die Schreibweise eine andere und zu Verwechslungen dürfte es sicher nicht kommen…:-)

Generell haben Eure letzten beiden Album aus meiner Sicht relativ starke, aussagekräftige Titel – “Generation: Genocide” einerseits, “Assassin: Nation” anderseits. Was hat den Ausschlag bei der Namenswahl gegebene? Welche Hintergedanken habt ihr dabei gehabt?

Die Idee kam uns beim Songwriting von dem Lied „Generation: Genocide“. Wir wollten den Zusammenhang zwischen dem Leid das jeden Tag auf der Welt geschieht und unserer Gesellschaft „gegenüberstellen“. Die Welt hat zwei Gesichter. Es gibt Gut und Böse; Schwarz und Weiß, die Grundsätze der Menschlichkeit und auf der anderen Seite Krieg, Terror, Egoismus, Neid und alle anderen Abgründe der menschlichen Seele.
Wenn man es genau nimmt, hatten wir schon auf unserem Debüt „Reflections of pain“ mit dem Titelstück und mit „Sick society“ diese Ausrichtung vorgegeben.

Heißt das, es gibt einen roten Faden bzw. eine Art Konzept bezüglich der Texte die Eure CDs verbindet oder schreibt Ihr einfach über aktuelle Themen, die Euch im Magen liegen ohne verkrampft nur so etwas in den Lyrics zu verarbeiten?

Die Songs basieren schon mehr auf aktuellen Ereignissen, aber im Endeffekt kann man sie voraussichtlich noch in zehn Jahren in den Nachrichten finden. Da leider nicht die ganze Menschheit aus der Geschichte lernt und immer wieder die selben Fehler begeht oder Menschen noch in alten Denkweisen verwurzelt sind und gegenüber anderen Gesellschaftsschichten oder Daseinsformen dermaßen intolerant auftreten, werden uns wohl so schnell die Ideen für neue Texte nicht ausgehen ohne von der bisherigen Thematik abzuweichen. Allerdings stehen auf „ Assassin: Nation“ auch fiktive Stories, die u.a von Büchern oder Filmen inspiriert wurden wie „Taking Lives“ oder „The Archangel“.

Ist es frustrierend in jeden zweiten Review zu lesen, das es unverständlich ist, dass Ihr ohne Vertrag seid?

Was heißt frustrierend? Natürlich würde es uns die Sache leichter machen, vernünftig Werbung für die CD zu fahren und eventuell mal eine Tour zu zocken. Aber wir stecken deswegen den Kopf nicht in den Sand und jammern. Unsere Mucke scheint ja bei einigen Leuten anzukommen und genau dafür machen wir das Ganze ja. Label hin oder her: Wir sind mit Herzblut bei der Sache und ich denke, das hört man der Scheibe auch an. Immerhin sind wir unsere schärfsten Kritiker und Fans, hehehe… Die einzige Sache, die uns extrem genervt hat war, dass es scheinbar viele Labels nicht einmal für nötig halten, sich – auch wenn es eine Absage ist – bei den Bands zu melden. Eine Mail reicht ja schon und sollte jetzt auch nicht sooo ein extrem großer Aufwand sein.

Apropos Reviews: die meisten, die ich gelesen habe, waren durchweg positiv. Wenn Ihr selbst auf das Album zurückblickt: Was findet Ihr nach wie vor richtig geil und wo gibt es vielleicht Kleinigkeiten, die Ihr gern anders gemacht hättet bzw. jetzt anders machen würdet?

Also richtig geil finde ich die Songs an sich. Wir haben im Gegensatz zur letzten CD wieder mehr Groove in die Lieder gelegt und nicht permanent versucht schnell zu hobeln. Es ist eine gute Mischung aus Thrash- und Death-Metal geworden. Das einzige womit wir nicht sooo zufrieden sind, ist der Sound. Der wird auf der nächsten CD definitiv noch besser. Vor allem bei den Drums ist da noch Einiges herauszuholen. Wie gesagt, wir haben die Scheibe komplett selbst produziert und viel dabei gelernt. Wir sind – unglaublicher weise – schon wieder dabei an neuen Songs zu arbeiten und das neu gewonnene Wissen wird uns sicher helfen die noch besser umzusetzen.

Gehört ihr eigentlich zu der Kategorie Musiker, die ihre eigenen Sachen nach Release nicht mehr anhören oder dreht sich bei dem einen oder anderen von Euch regelmäßig ′ne Verdict-Scheibe im Player?

Wenn die Scheibe gerade raus gekommen ist, halten wir erstmal Abstand davon. Im Laufe einer Produktion hört man die Song so oft, das es manchmal weh tut. Aber mit etwas Pause geb′ ich mir die Teile schon gerne. Macht einen ja auch stolz, wenn man die eigene Musik auf CD vor sich liegen hat.

Kommen bei Euch auch welche der vielen neuen Thrash-Kapellen, die altem Style frönen, hör-technisch zum Zuge oder haltet Ihr es eher mit den Klassikern?

Was neue Bands anbelangt ist es für mich echt schwer am Ball zu bleiben, da es ja jeden Tag mehr werden. Ich freu′ mich aber sehr, dass es immer noch Bands gibt, die auf die Art von Sound abfahren. Es sah ja lange Zeit so aus, als ob Thrash international nicht mehr aus der Hüfte kommt. Wobei es bei uns nicht unbedingt der „Old-School-Thrash“ sein muss. Wir sind da doch eher Open-minded. Bei Verdict hören wir sehr unterschiedliche Sachen: Von AC/DC bis Zyklon ist alles drin oder auch von At the Gates bis ZZTop.

Ein Ruf, der Euch voraus eilt: Ihr seid live eine Bank und sorgt für schweisstreibende Action. Aktuell steht auf Eurer Homepage nur ein Gig im Juni angekündigt. Ist beruflich/persönlich gig-technisch momentan nicht mehr drin oder gibt es andere Gründe hierfür?

Wir stehen zur Zeit noch in Verhandlungen für einige Festivals bzw. Gigs. Teilweise warten wir noch bis die Veranstalter die Shows bekannt geben. Es wird aber immer schwieriger Konzerte zu vernünftigen Konditionen zu buchen. Viele Leute vergessen, das auch ′ne Band Ausgaben hat, die zu bestreiten sind.

Ich hab letztes Jahr mal ein Wochenende in Eurer Ecke (Randgebiet Bayern/Hessen) verbracht. Mein Eindruck: die Gegend ist gut geeignet zum Urlaub machen und sicher auch ruhige, preiswerte Wohnlage für Berufspendler nach Rhein/Main. Szene-technisch ist der Landstrich schätzungsweise nicht die beste Lage. Liege ich da falsch? Möglicherweise ein Grund, warum ihr Eure Release Party im Heavy Duty in Dresden(!) veranstaltet habt?

Wir hatten zwei Release-Shows. Die Erste war bei uns in der Ecke und ein wahres Fest!!! Da wir eine besonders freundschaftliche Beziehung zum Heavy Duty und vielen Dresdner Fans haben, wollten wir auch dort zuerst unsere neue CD vorstellen. Aber du hast recht: Bei uns wirkt es sehr idyllisch und ruhig. Allerdings hat sich hier Metal-technisch doch die letzten Jahre wieder Einiges getan. Viele neue Bands sind an den Start gegangen und auch die Clubs fahren wieder öfters auf der harten Schiene. Aus unserer unmittelbaren Umgebung sind da Spoilt Flesh, Adopted Mind oder Provocation zu empfehlen. ′Ne andere Band die zwar weniger “Metal” ist aber sehr gut unterwegs ist, sind Illectronic Rock. Im größeren Umkreis wären da noch Cervet, Discreation und einige mehr.Ansonsten natürlich Abandoned (die mit uns auf unserer Release-Party in Miltenberg gefeiert haben), Final Breath…

Auf Eurer Seite prangt ein dickes “AGAINST NSBM”-Banner. Aus Prinzip oder habt ihr konkrete negative Erfahrungen mit NS Black Metallern gemacht? Wie wichtig ist Euch politisches Engagement generell?

Zu aller erst geht’s uns da ums Prinzip!! Es kann nicht angehen, dass vor ca. 60 Jahren ein geisteskranker Massenmörder in Europa sein Unwesen getrieben hat und es Leute gibt, die solche Ideologien verteidigen und weiterverbreiten. Jeder soll wissen, dass wir mit solchen Menschen nichts zu tun haben wollen. Ist wohl aber noch nicht zu allen durchgedrungen oder warum bekommen wir ′ne Anfrage auf MySpace, bei dem ein Hakenkreuz im Hintergrundbild dick und fett prangt? Dazu nur FUCK OFF!! Leider wurden wir auch schon auf Konzerten Zeuge davon, wie irgendwelche Idioten in der letzten Reihe den Hitlergruß gemacht haben. Es scheint Gegenden zu geben, wo das als normal angesehen wird. Da unser Sänger Portugiese ist, kotzt uns das gleich dreimal an!

Ihr seid seit langen Jahren in der Szene unterwegs (teilweise stehen ca. 20 Jahre zu Buche). Was waren so die größten Highlight und die größten Enttäuschungen in der Geschichte von Verdict für Euch? Allgemein auf die Szene und das ganze Drumherum bezogen: Was hat der Szene in den letzten Jahren am meisten gut getan? Was hat ihr am ehesten geschadet?

Highlights in Sachen Verdict waren sicherlich die Gigs als Support von Death Angel, Gorefest und Obituary, wo wir fett abgeräumt haben. Dazu kommt natürlich noch die Release Party zu ” Assassin: Nation ” – ein Heimspiel in Miltenberg, wo wir grandios abgefeiert wurden.
Allgemein: Das Internet speziell WEB 2.0 hat die Szene komplett umgekrempelt. Kleine Bands können Ihr Material mit ein paar Klicks weltweit unter das Volk bringen. Die Kehrseite sind die illegalen Downloads, die sich negativ auf den CD-Absatz auswirken und der kompletten Szene viel Kopfzerbrechen bereiten. Wobei wieder bei den Gegensätzen der Gesellschaft wären. Und bei unseren Album-Titeln…:-)

Was erwartet Ihr noch mit Verdict zu erreichen bzw. was wollt ihr noch schaffen?

Wir werden weiter am Ball bleiben, wir haben mehr Spaß denn je und wollen uns von Album zu Album steigern. Eine kleine Tour wäre toll! Ansonsten wollen wir unseren Fans und uns weiterhin Thrash with Class bieten!

Aus Anlass Eurer “Reflections of pain”-CD in 2002 wurdet Ihr in einem Interview gefragt, wie Ihr Verdict in 10 Jahren seht. Die Antwort war: “Spärliche Kopfbehaarungen und fette Bierbäuche…” Die 10 Jahre sind bald rum – wie sieht′s aus? ;-)

Hahahaha! Geil!! Tja, teilweise hat sich das wohl bestätigt! Du mußt dir nur die aktuellen Fotos von uns angucken!!!

Ich bin soweit erstmal durch – finales Statement von Dir?

Hoffen wir mal, dass wir nicht erst wieder in vier Jahren über ′ne neue Verdict-Scheibe sprechen, sondern etwas früher. Wir werden die Zeit auf alle Fälle nutzen um „Assassin: Nation“ live vorzustellen und den Leuten musikalisch in den Arsch zu treten!!! in diesem Sinne THRASH ON!!

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