24. Wave-Gotik-Treffen 22.-25.05.2015

wgtPfingsten 2015 liegt hinter uns – und damit auch das größte Grufti-Festival der Welt, das zu diesem verlängerten Wochenende seit nunmehr 24 Jahren in Leipzig stattfindet. In der Vielschichtigkeit der dort vertretenden Musikrichtungen darf auch der gute alte Metal nicht fehlen.

Freitag, 22.05.2015

Zunächst muss man raus zur Agra fahren, um sich Bändchen und Fotopass abzuholen – da führt kein Weg dran vorbei. Selbstverständlich ist dort bei gutem Wetter bereits um die Mittagsstunde viel los, zumal die Anreisephase noch im vollen Gange ist. Einige Gäste sind schon jetzt eifrig mit Schaulaufen beschäftigt; schließlich hat man das ganze Geraffel nicht umsonst durch die gesamte Republik geschleift. Wer schön ist, der soll’s auch zeigen.

Nun wohl: Die erfolgreiche Akkreditierung schreit geradezu nach einem Bier und einem Abstecher ins Heidnische Dorf, zu einer Flasche Holunder-Federweißer, einem Odin Honigbier und einem Sex-Schnaps (Das Zeug ist gefährlich!). Für meinen Kumpel Darko aus Serbien ist das alles ganz neu (nach jahrelangen Versuchen, ihn zu einem WGT-Besuch zu überreden, hat er endlich nachgegeben), und so macht’s alles gleich noch mehr Spaß. So, genug rumgestromert, ab zum Arbeiten ins Alte Landratsamt!Frigoris2

FRIGORIS aus Essen machen Post Black Metal. Ich kannte sie bis dato noch nicht, bin aber schnell vollauf begeistert von ihrer Präsenz. Die Band lässt sich von der überschaubaren Zuschauerzahl nicht beirren und zieht ihren Auftritt ohne großes Geplänkel konsequent durch. Nach zahlreichen lauten und kraftvoll vorgetragenen Songs folgt auch ein sehr ruhiges, melodiöses und von Wassergeplätscher begleitetes Intermezzo, bevor das Brett mit unverminderter Härte weitergeht. Hier sind echte Profis am Werk – und für diejenigen, die sie noch nicht kennen, ergeht an dieser Stelle ein ausdrücklicher Anhörbefehl.

Falloch4Als nächstes betreten FALLOCH die Bühne. Es ist das erste Konzert der Schotten in Leipzig – und leider steht dieses zu Beginn scheinbar unter einem schlechten Stern. Massive Soundprobleme, die drohen, das Auditorium totzubrummen, führen dazu, dass die Band den ersten Song abbrechen und noch mal mit Hilfe der Techniker neu justieren muss. Danach ist aber alles wieder in Ordnung, und die Glasgower verzaubern mit professionellem Blackgaze.

Im Anschluss bleiben wir auf einer Insel – wenn auch das Land wechselt: ANTIMATTER spielen zwarAntimatter2 keinen Metal (beschreiben ihre Musik als Dark Alternative Rock), aber was soll’s . Anfänglich wird seitens der Bandmitglieder auch viel wegen des Sounds (Monitoring) rumgeschraubt und gestikuliert. Augenscheinlich stellt das Alte Landratsamt in technischer Hinsicht an diesem Abend eine besondere Herausforderung dar. Musikalisch kommt das Ganze dann ziemlich ruhig und getragen daher. Dem Großteil des Publikums scheint es zu gefallen (offenbar sind nicht alle so unbedarft wie ich, was diese Band angeht), aber unbestreitbar ist, dass die Geschwindigkeit der Musik an diesem Abend seit Frigoirs konsequent heruntergeschraubt wird. Immerhin: Antimatter zaubern einige erfrischend virtuose Gitarrenparts in ihre Musik.

Solstafir1Der Headliner an diesem Abend stammt ebenfalls von einer Insel: SOLSTAFíR aus Island spielen völlig zu Recht als letzte Band des Abends. Ich verstehe zwar nicht, warum man sich den Cowboyhuit-Lederwesten-Look bei dieser Hitze antun muss, aber Selbstkasteiung ist eben auch jedem selbst überlassen – darum heißt sie ja so. Es ist als kleines Wunder zu sehen, dass sie sich nicht instantly zu Tode schwitzen, aber vielleicht ist das dem kalten isländischen Geist geschuldet. Was zählt: Solstafír machen wahrlich großartige Musik, die von der ersten Minute an unweigerlich in ihren Bann zieht. In selten erlebter Virtuosität rocken sie die Bühne mit ihrem dezent Country angehauchtem „Atmospheric Rock N`Roll“. 90 Minuten lang verliert die Band nicht einmal an Fahrt – auch nicht, während Sänger Aðalbjörn Tryggvason ein bisschen Solstafir5von der isländischen Heimat (Svartir Sandar) erzählt und einzelne Zuhörer dazu auffordert, ihre Sonnenbrillen abzunehmen. Am Ende der beeindruckenden Show darf der ganze Saal noch einmal kräftig mitsingen. Man kann es nur wiederholen: Unglaublich starker Auftritt; will man öfter live sehen!

SAMSTAG, 23.05.2015

Heute hab‘ ich „frei“. Muss auch mal sein. Mir geht es wie vielen anderen WGT-Besuchern: Hier treffe ich Menschen, die ich sonst das ganze Jahr gar nicht zu sehen bekomme. Daher ist ein ausgedehntes Zusammenkommen im Heidnischen Dorf Pflicht, wo wir es uns bei Handbrot, Met und Bier gut gehen lassen. Neben der Sklavenversteigerung und den Menschen im Waschzuber prügeln sich Wikinger und Ritter auf der Wiese hinter uns, kleine Kinder eifern ihren Eltern nach, so gut es der Kleiderschrank zulässt, Kartoffelchipspieße sind zwar lecker, sättigen aber nicht – und trotzdem es ein bisschen den Anschein hat, als würde das Heidnische Dorf aus allen Nähten platzen, ist es schön, wieder hier zu sein. Abends wollen ein paar Leute dann noch zur „When we were young“-Party ins Täubchenthal. OK, kann man machen. Die Location ist schon sehr empfehlenswert – und das sowohl drinnen als auch draußen!

SONNTAG, 24.05.2015

Heute meint es das Schicksal gut: Die relevanten Bands spielen alle im Felsenkeller! Somit spart man sich die Notwendigkeit, von einem Veranstaltungsort zum nächsten pilgern zu müssen und darüber hinaus die Hälfte der wichtigen Bands zu verpassen. Für mich bedeutet das heute zwar, auf Ashram verzichten zu müssen, aber man kann eben nicht alles haben.

Eisregen2Den Anfang machen die Thüringer von EISREGEN. Die Fangemeinde ist vollständig angetreten und interagiert so, wie Herr Martin Blutkehle es sich wünscht. Ein technischer Total-Abfuck gleich zu Beginn der Show wird seitens der Band mit viel Humor aufgenommen, was auch das Publikum zum Lachen bringt. Zum Wohle der Ohren dürfen Klassiker wie „Tausend tote Nutten“ und „Krebskolonie“ nicht fehlen. Insgesamt hätten sich „Kenner“ der Eisregen-Mucke mehr von dem indizierten Zeug gewünscht, aber das ist ja immer so ein leidiges Problem, wenn die live spielen.
Die Temperaturen im Felsenkeller sind zu dieser frühen Stunde noch zu ertragen, sehr zur Erleichterung einiger Fangirls, die auch hier nicht auf ihre viktorianischen Picknick-Outfits verzichten wollen. Auch der Hang der Thüringer, sich feiern zu lassen, ist nicht mehr so stark ausgeprägt, wie ich es in Erinnerung habe. Allerdings können sie sich das alberne „Das heißt nicht „Zugabe, Zugabe“ – das heißt „Eisregen, Eisregen“ auch heute nicht verkneifen. Seufz. „Elektrohexe“ und „Blutgeil“ beschließen den Auftritt.

Up next: ASHES YOU LEAVE. Die Kroaten machen angeblich Doom Metal – und ich kann nur sagen: Nein, machen sie nicht, Ashes you leave5auch wenn ich nicht genau sagen kann, was das denn nun ist. Die Band feiert 2015 ihr 20jähriges Bestehen, wirkt dennoch nach Eisregen leider ziemlich deplatziert auf dieser Bühne, auch wenn sie musikalisch definitiv zum WGT passen. Violine und Keyboards machen die Musik zwar virtuoser, aber nicht metallischer. Es ist anzunehmen, dass der Auftritt der Band im Schauspielhaus am Vortag wesentlich passender war. Njäch.

Der Weg einer Freiheit4Danach aber wieder Metal. DER WEG EINER FREIHEIT passen wieder voll ins Programm, auch wenn sie leider wesentlich weniger Publikum haben, als Ihnen zusteht. Das Publikum erlebt brachial-melodischen Black Metal, den man der Band rein optisch gar nicht zutrauen würde. Relativ früh wird das „vorletzte Lied“ angekündigt, was aber OK ist, da ein Song hier in schwarzmetallischer Manier schon mal 10 Minuten und länger dauern kann. An dieser Stelle macht sich der rigorose Schlafentzug und der übermäßige Alkoholgenuss bemerkbar. Vielleicht haben sich aber auch nur ein paar Synapsen in den Black Metal – Standby-Modus begeben. Später eingeholte Meinungen unbedarfter Zuhörer bestätigen, dass Der Weg einer Freiheit eine sehr angenehme Live-Erfahrung war, deren Erinnerung man gerne mit nach Hause nimmt.

DARK FUNERAL habe ich gefühlt vor 10 Jahren zum letzten Mal gesehen, und das war in Wacken. Bei den Schweden handelt Dark Funeral5es sich um eine Band mit Routine und Tradition, und das merkt man von Anfang an. Allein die Outfits sind so true, dass sich der Geruch von dunklem Leder penetrant im Fotograben breit macht. Von der ersten Minute an huldigen Dark Funeral hingebungsvoll dem Gehörnten, und obgleich die Band gern als Headliner auf Festivals wie dem IN FLAMMEN (Anfang Juli 2015 in Torgau) auftreten, lassen sie nicht durchblicken, dass sie das hier irgendwie Scheiße fänden, sondern dreschen und bügeln munter drauflos. So bebt der Felsenkeller zwar noch nicht, kocht aber immerhin bereits. Während „The Arrival of Satans Empire“ wird uns allen wieder einmal bewusst, dass „weniger Publikum“ auch ein Segen sein kann. Denn würden wir uns hier drinnen alle zu Tode schwitzen, würde dieser Umstand nur mehr Seelen für den Beelzebub bedeuten, was ja nun einmal Dark Funerals erklärte Absicht ist. 

God Seed6Das Beste kommt jedoch zum Schluss: GOD SEED ist mit Abstand die stärkste Band des Abends. Die Vorschusslorbeeren in Form des regen Applauses branden noch stärker auf, als Gaahl sich als letzter durch die kleine Tür am Ende der Bühne schleicht und das Publikum in Augenschein nimmt. Hinterher erzählt mir meine Kumpeline Nadine von den unangenehmen Gefühlsregungen, den Gaahl bei ihr auslöste, denn der bohrende Blick des Mannes mit dem angemalten Gesicht flößt beinahe jedem, den er ins Auge fasst und in seinen Anstarrwettbewerb verstrickt, einen buchstäblich höllischen Respekt ein. Aber ich kann sie beruhigen, denn der Sänger hat an diesem Abend spürbar gute Laune. Wäre dem nicht so, würde er sich nämlich nicht zu einem leise gehauchten „Danke“ zwischen zwei Songs hinreißen lassen. Offensichtlich gefällt der Band der rege Zuspruch God Seed4seitens des Publikums, denn auch King ov Hell, Sir, Lust und Kenneth gehen ordentlich ab und zeigen, warum God Seed sich in der Regel nicht mit weniger als dem Headlinerslot zufrieden gibt. Songs wie „Lit“, „This from the past“ oder das einzigartige „Alt Liv“ nötigen dem ganzen Saal eine gehörige Portion Respekt ab. Eine Zugabe gibt es nicht, wie es bei God Seed üblich ist. Dennoch: Es ist immer wieder unglaublich zu sehen, wie viel Energie diese Band auf der Bühne entfesselt – und auch auf die Gefahr, als Fanboy abgestempelt zu werden: Wer die Chance bekommt, sie live zu sehen, der TUE DIES GEFÄLLIGST!

Montag, 25.05.2015

Arkona5Der letzte WGT-Tag nötigt einem immer ein bisschen Durchhaltevermögen ab, wenn ein halbwegs adäquates Aftershow-Programm durchgezogen wurde. Aber ein bisschen Energie ist noch im Akku. Also, Kamera umgeschnallt und auf in den Kohlrabizirkus.
Offensichtlich haben einige Zuschauer den Auftritt vom ARKONA im Heidnischen Dorf (dort hätte ich sie aus atmosphärischen Gründen auch lieber gesehen) am Vortag doch verpasst, denn eine beachtliche Zahl an Zuhörern hat sich eingefunden. In der Regel ist der Sound in dieser Location ja eher bescheiden, aber bei diesem Auftritt geht es einigermaßen – Arkona4oder ich gewöhne mich einfach daran. Arkona ist eine der intensivsten Tourer, die ich kenne. Die Routine ist also da. Sängerin Masha Scream ist ein unbezwingbares Energiebündel, das die Fans von Beginn an und praktisch während jedes Liedes zum Mitmachen animiert. Besagten Fans stecken die letzten dreieinhalb Tage zum Teil sichtbar in den Knochen, aber dennoch hat man den Eindruck, als hätten alle ihren Spaß. Eine Zugabe scheint aus zeitlichen Gründen leider nicht vorgesehen zu sein.

Svartsot1Als nächstes wird die Bühne von den dänischen SVARTSOT geentert. Diese Band spielte bereits 2010 beim WGT (damals in der Agra-Halle) und hatte, so muss man sagen, unfairer Weise damals mehr Publikum als dieses Mal. Den Fotograben habe ich mit einem einzigen Kollegen für mich alleine, und vor der Absperrung ist die Anwesenheit der Menschen am besten als „lückenhaft“ zu beschreiben. Meiner Meinung nach sollte der Laden ja aus allen Nähten platzen, so selten, wie man Gelegenheit bekommt, diese großartige Band live zu sehen. Erfrischend-spaßiger Viking Metal von Jungs, die sich selbst nicht ganz so ernst nehmen (außer Bandgründer Cris vielleicht) und trotzdem musikalisch wirklich was drauf haben. Sänger Thor Badger steht halbnackt Svartsot6vorne rum und reizt mit seiner Stimme alle Höhen und Tiefen aus, unterstützt von kraftstrotzenden Gitarrenriffs, die durch Dudelsack-und Flötentunes ein wirklich stimmiges Gesamtbild ergeben. Und das merkt auch das Publikum: Vom ersten Song „Gravollet“ an wird die Stimmung besser und besser. Die kleine bärtige Knutschkugel Thor Badger merkt das ebenfalls und wird zunehmend geschwätziger: „The next song is about große Titten“ und „That’s Hans-Jørgen with his big sack, Hahaha“ (auf den Dudelsackspieler zeigend) lösen bei Band und Zuschauern gleichermaßen Lachflashs aus und sorgen für meinen persönlichen Wunsch-Ausklang des WGT 2015. Jetzt bitte nur noch Junk-Food, Couch und Ausruhen!

Es war wieder mal ein Fest; dieses Festival sucht seinesgleichen, aufgrund der Vielfalt der Menschen und der Bands, der Aktivitäten und Locations und all der kleinen Dinge, die man eben nur hier und nur zu Pfingsten erleben kann. Nächstes Jahr feiert das WGT dann 25jähriges Bestehen. Ich bin dabei, schätze ich.

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