Melechesh Interview

Von den Qualitäten dieser ursprünglich aus Israel stammenden Band haben sich viele von Euch bereits auf der letzten Eternity – CD überzeugen können. Melechesh nennen ihren Stil ‘Mesopotamian Metal’, was eine gelungene, teils innovative, Mixtur aus traditionellem, kaltem Black Metal und orientalischer, warmer Musik darstellt (die natürlich nicht minder traditionell ist…). Ich kann nur einem jeden Black Metal – interessierten Leser empfehlen, der Band eine Chance zu geben, er wird es nicht bereuen. Ich sprach mit Melechesh Ashmedi, um näheres über die kleine Sensation aus dem Nahen Osten zu erfahren.

Ich denke viele Leser wissen noch nichts weiter über Melechesh. Am besten gibst Du zuerst einen Überblick über die Bandgeschichte.
Wir begannen im Jahre 1993. 1994 war das Lineup dann vollständig und Melechesh war nicht mehr länger ein Projekt, sondern eine richtige Band. Im gleichen Jahr machten wir ein Rehearsal – Demo, es ist aber nicht veröffentlicht worden, weil wir bereits an Studioaufnahmen dachten. 1995 war es auch soweit. Wir veröffentlichten das Material als offizielles Demo. Es erreichte eine recht gute Verbreitung, es wurde fleißig kopiert, und wir bekamen gute Reaktionen aus dem Underground. 1996 bekamen wir einen 7- Inch – Deal vom deutschen Label Devilish Music Propaganda. Die 7 – Inch wurde in sehr limitierter Anzahl veröffentlicht, es war ein neuer Song enthalten, der das erste Mal zeigte, was ‘Mesopotamian’ Metal ist. Ende 1996 veröffentlichten wir unser Debütalbum, das nicht den aktuellen Entwicklungsgrad der Band widerspiegelte. Es war roher Black Metal. Das war eine bewußte Entscheidung, denn der Vertrag basierte auf dem Demo, das Label wollte unbedingt den gleichen Stil haben. Es folgten einige Auftritte, wir nahmen 1998 eine Promo – CD auf und zogen im gleichen Jahr nach Europa, nach Amsterdam. 1999 zog unser zweiter Gitarrist nach Frankreich und Proscriptor kam in die Band. Im Jahr 2000 nahmen wir ‘Djinn’ für Osmose Prod. auf, das jetzt erscheint.

Gab es bereits Reaktionen auf Euer Album?
Ich kam von Amsterdam und hatte noch keinerlei Reaktionen außer ein paar Telefonterminen. Seit gestern sitze ich hier im Labeloffice und gebe Interviews und bekomme sehr viele begeisterte, positive Reaktionen von den Medien. Die Presse versteht, was wir tun und unterstützt es. Das finde ich ziemlich überraschend und gut. Wir haben versucht, etwas neues zu erfinden ohne die Basis des extremen Metals zu verlieren, und haben uns nichts weiter davon erwartet.

Die Band stammt ursprünglich aus Jerusalem und ist jetzt quer über die Welt verstreut. Wie arbeitet ihr zusammen?
In Jerusalem waren es ich und Moloch, die die Band gründeten. Wir lebten beide in Jerusalem. Meine Familie war nach Israel gezogen und sowohl er, als auch ich wurden dort geboren. Wie arbeiten wir zusammen? Wir sind beide Gitarristen, und wir beide sind die Hauptsongwriter. Er lebt in Frankreich und ich in Amsterdam, es gibt eine recht vernünftige Zugverbindung, die wir auch nutzen, das macht uns nichts aus. Wir treffen uns alle sechs bis sieben Wochen und tauschen Riffs aus. Aber für den eigentlichen Songwritingprozeß ist es besser, daß jeder in einem anderen Teil der Welt lebt. Wir haben die gleichen Vorstellungen von dem was wir tun, und haben so die Ruhe und den Frieden um es auch umzusetzen. Wir schreiben die Musik lieber für uns alleine. Irgendwann fügen wir sie dann zusammen. Unser Bassist ist mein Nachbar, er wohnt auf der anderen Seite der Straße, unser Drummer Proscriptor lebt in Amerika. Wir nehmen das Material also auf Kassette auf, und schicken es ihm dann per Post.

Was kannst Du uns über die Aufnahmen bei ‘Harrow Productions’ erzählen?
Es war sehr interessant. Wir haben das Studio für einen recht langen Zeitraum gebucht. Wir hatten einen Monat Studioaufenthalt vorgesehen. Der Produzent bei Harrow Productions war auch sehr bemüht. Wir hatten große Sorgen, daß das Endresultat nicht unseren Vorstellungen entsprechen könnte. Wir wollten ein absolut per-fektes Album aufnehmen. Er hat gesagt, das wäre kein Problem, wir würden das Studio erst verlassen, wenn alles absolut stimmen würde. Es war großartig. Wir waren sehr komfortabel untergebracht, der Produzent hatte eine gute Einstellung und auch Erfahrung mit Metalproduktionen. Das Master wurde dann in Texas von Kol Marshall und Proscriptor hergestellt.

Also bist Du mit dem Ergebnis zufrieden, nehme ich an…
Ich bin nie wirklich zufrieden. Man kann es immer besser machen, das gibt einem die Möglichkeit sich zu entwickeln und immer bessere Produktionen zu machen. Aber es ist wirklich eine sehr gute Produktion.

Ihr nennt Euren Stil ‘Mesopotamian Metal’ und beschäftigt Euch auch in Euren Texten mit der Thematik. Was fasziniert Euch an dieser alten Kultur, was bedeutet sie Euch?
Moloch und ich sind Mesopotamier, Assyrer. Die Mesopotamier sind also unsere Ahnen und wir identifizieren uns damit und sind sehr stolz darauf. Es ist eine der ältesten Kulturen der Welt, es war eine sehr fortgeschrittene und mystische Zivilisation. Es gibt so viele Bands, die in ihren Texten Elemente unserer Kultur verarbeiten, oder Bandnamen entlehnen. Es gibt sehr interessante Bücher die sich mit dieser Thematik beschäftigen oder angeblich aus dieser Zeit stammen wie beispielsweise das Necronomicon, was ja nicht stimmt. Das alles fasziniert uns. Wir sind eine Band, die von dort stammt, deshalb beziehen wir uns darauf, es hat eine starke Mystik, es ist eine sehr reichhaltige Kultur.

Es gibt also keine Bezüge zum Necronomicon oder H.P. Lovecraft?
Das Necronomicon von H.P. Lovecraft ist nicht real. Es ist seine Er-findung. Einige Leute wissen das, aber viele nicht. Und diese sind dann enttäuscht, wenn ich ihnen die wahren Fakten präsentiere. Aber es basiert auf magischen Theorien aus Mesopotamien, es ent-hält also einiges an Wahrheit, es ist nett zu lesen. Aber wenn Du mehr wirkliche Mesopotamische Magie haben willst, mehr necro-nomische Magie, dann lege das Necronomicon beiseite und be-schäftige Dich lieber mit mesopotamischer Mythologie und Mysti-zismus.

Gibt es einen philosophischen oder ideologischen Hintergrund für die Band, irgendwelche Ideen die Ihr verbreiten wollt?
Ich will nicht predigen, für niemanden. Wir machen einfach unseren eigenen Mesopotamian Metal und folgen unserer Philosophie. Unsere Persönlichkeiten sind mit einer dunkleren Energie, einer dunklen Wesenheit verknüpft, die viele Namen hat. Sie ist Teil unserer Persönlichkeit und unserer Art zu leben, sie ist in uns. Aber wir wollen niemandem etwas davon predigen. Wir wollen den Leuten einfach nur zeigen, was es mit Mesopotamien auf sich hat.

Hörst Du Dir zu Hause orien-talische Musik an?
Ich bin mit Rockmusik aufgewachsen. Wahrscheinlich bin ich deswegen irgendwann zum Metal gekommen. Ich habe erst sehr viel später die orientalische Musik für mich entdeckt, irgendwann Mitte der Neunziger habe ich angefangen auch orientalische Musik zu sammeln. Im Mittleren Osten hören die Leute Pop Musik, orientalische Pop Musik. Wir hören allerdings Ambient Musik mit traditionellen orientalischen Instrumenten, auch keltische Musik, aber hauptsächlich Musik aus dem Mittel-meerraum. Das gibt uns Inspiration und ein Gefühl für die Musik, die wir machen wollen. Aber zuhause höre ich hauptsächlich traditionellen Rock und Metal.

‘Djinn’ ist ja bereits Euer zweites Album. Was kannst Du uns über das vorhergehende erzählen?
Das vorherige Album war eher geradliniger Black Metal, es ist sehr roh. Es ist mittlerweile ausverkauft. Es wurde zwar nicht sonderlich gut vertrieben, es wurde von einem kleinen Label in sehr kleiner Auflage herausgebracht, aber es hat sich ganz gut verkauft. Es gibt immer noch Leute, die es haben wollen, aber es ist nicht mehr erhältlich. Es ist sehr ‘Straight forward’, aber es gibt bereits Hinweise auf Mesopotamian Metal, ein paar Drumbeats, einige Riffs usw. Wir wollten dann ‘richtigen’ Mesopotamian Metal mit dem dazugehörigen Gefühl machen, das haben wir dann mit ‘Djinn’ verwirklichen können. Aber wenn Dich das vorige Album interessiert: Es wird bald neu aufgelegt.

Hattet Ihr nach der Veröffentlichung des ersten Albums irgendwelche Probleme mit der Zensur? Ich kann mir vorstellen, daß ein Titel wie ‘As Jerusalem Burns…’ bei Euch zuhause nicht gerade gut ankommt…
Nein, nicht wirklich. Man muß bedenken, daß es sich um eine absolute Undergroundproduktion handelt. Es wurde gar nicht von irgendwelchen Massenmedien oder dergleichen beachtet. Aber wir hatten einige persönliche Probleme in Jerusalem. Unsere Familien kamen aus einem christlichen Umfeld, wir waren also Outlaws, wir wurden gegängelt, als wir begannen dunkle Musik zu machen. Das ist der soziale Aspekt, was den rechtlichen angeht, so hat eine Tageszeitung einen Artikel veröffentlicht und machte aus unserer Black Metal Band einen Satanskult, den ersten im heiligen Land, in der heiligen Stadt. Also bekamen wir Probleme mit der Polizei.

Wie groß ist der Einfluß von Fundamentalisten auf das kulturelle Leben in Israel?
Es kommt darauf an, wo. Israel ist eigentlich sehr tolerant. Aber in Jerusalem haben die Fundamentalisten schon einen großen politischen Einfluß, sie versuchen einige religiöse Regeln durchzusetzen, aber meistens verhindert der Staat dies. Israel ist kein religiöser Staat. Jersalem hat allerdings einen hohen symbolischen Wert. Es gibt dort verschiedene Kulturen, islamische Kultur genauso wie jüdische. Im arabischen Teil hat der Islam einen wesentlich höheren Einfluß auf das Alltagsleben.

In Eurer Biographie steht, daß Ihr das erste Black Metal Konzert überhaupt in Jerusalem gespielt habt. Kannst Du mir mehr dazu erzählen?
Wir waren die erste Black Metal Band überhaupt in Jerusalem, deshalb entschlossen wir uns das erste Black Metal Konzert in Jerusalem zu spielen, niemand wußte, was das ist. Einige hatten zwar schon davon gehört, aber niemand war je damit konfrontiert gewesen. Das Black Metal Image war etwas völlig neues, die Leute hatten soetwas noch nie gesehen. Es scheint aber eine große Faszination auf die Leute ausgeübt zu haben. Sie begannen plötzlich sich nach weiteren Bands umzusehen, Mailorder abzuchecken, Black Metal Alben zu bestellen, nun gibt es eine Black Metal Szene in Israel!

Was gibt es über die extreme Metal Szene in Israel allgemein zu berichten?
Sie ist recht groß, wenn man bedenkt, daß die Bevölkerungszahl Israels nicht allzu hoch ist. Entsprechend gibt es na-türlich nicht allzuviele Bands. Über die aktuelle Szene kann ich natürlich nicht mehr allzuviel sagen, da wir seit 3 Jahren nicht mehr dort leben, aber wir haben viele Freunde, viele befreundete Bands in Israel. Es gibt einen Metal Hammer dort, es gibt einen Vertrieb, der die Platten in die Läden bringt. Einige israelische Bands sind vielleicht auch im Ausland bekannter, Salem zum Beispiel, die immer noch aktiv sind. Ich bin mit dem Sänger gut befreundet. Es gibt viele junge Bands dort, die meisten sind nicht sehr ernsthaft bei der Sache, aber sie versuchen es zumindest.

Wie seid Ihr mit Osmose Prod. in Kontakt gekommen?
Wir sollten ‘Djinn’ ursprünglich für ein anderes Label aufnehmen. Nachdem das Budget festgesetzt war und wir schon das Studio gebucht hatten, sagten sie uns, daß sie kein Geld hätten und wir wieder nach Hause fahren müßten. Aber das konnten wir doch nicht tun. Uns wurden immer Steine in den Weg gelegt, wir wurden immer unterdrückt von Israelis, die meinten wir wären keine Israelis, von Arabern, die sagten wir seien keine Araber, von den Christen, die meinten wir würden dunkle Wesen anbeten und sollten dies nicht tun. Es gab Leute von außerhalb, die an uns glaubten, die sagten es sei egal, daß wir aus Jerusalem kommen, die Entfernung war egal. Und dann kommt dieses beschissene Label und sagt ‘Wir haben kein Geld’. Klar hatte das Label finanzielle Probleme, aber wir beschlossen die Sache trotzdem durchzuziehen. Das Studio war sehr kooperativ, wir hatten Unterstützung von Einzelpersonen, sei es finanziell oder moralisch. Wir beschlossen das Album aufzunehmen. Das Resultat war sehr gut und wir schickten es an diverse Labels, wir verschickten 20 bis 25 CDs, und bekamen daraufhin sieben Angebote, von denen natürlich nicht alle seriös waren. Das beste Angebot kam von Osmose und wir wollten sie. Wir waren überzeugt davon, daß Osmose auf jeden Fall eine gute Referenz sein würden. Proscriptor schickte ihnen dann eine gemasterte Version, es hat ihnen sehr gut gefallen. Sie glauben wirklich an uns. Sie promoten das Album sehr gut, sie räumen uns Priorität ein, wir sind sehr zufrieden.

Was war die beste Erfahrung, die Du mit Melechesh hattest, und welches die schlechteste?
Es gibt viele gute Erfahrungen. Die beste Erfahrung ist aber, daß ich, nachdem es uns überall schwer gemacht wurde, wir überall erschwerte Arbeitsbedingungen hatten und all das, in diesem Moment hier sitze, in Paris im Promo – Office und Interviews gebe, in meiner Hand ‘Djinn’ von dessen Veröffentlichung ich so oft geträumt habe, und darüber spreche. Das ist wirklich großartig. Daß es so gut ankommt! Unser Stil hat bisher noch nicht existiert. Moloch und ich haben ihn erfunden und hart dafür gearbeitet. Bisher mußten wir alle Arbeit selbst machen. Jetzt haben wir jede Menge Hilfe. Wir bekommen so viel Unterstützung in Europa. Es passiert einfach, ich kann es noch immer nicht begreifen. Metal happens! Die Künstler, die Studios, die Labels, die Presse, jeder unterstützt den anderen. Das ist eine großartige Erfahrung.
Eine andere großartige Erfahrung war es, den ersten Auftritt in Jerusalem zu machen und einen neuen Stil zu kreieren, Drumpatterns zu verwenden, die noch keiner vorher hatte.
Die schlechteste Erfahrung ist die Unterdrückung, die uns wiederfahren ist, vom Staat, von unseren Familien. Es war sehr schwierig für uns und manchmal auch gefährlich. Wir sind in wirklich gefährliche Situationen gekommen. darüber möchte ich allerdings nicht allzuviel reden.

Was können wir von Melechesh in naher Zukunft erwarten? Gibt es Pläne für eine Tour, ein Video, ein neues Album….?
Bisher kann ich zu eventuellen Touren nichts weiter sagen, wir haben es allerdings vor. Von Planung kann jedoch nicht die Rede sein. Es hängt auch davon ab, wie das Album bei den Medien ankommt, was bisher ja recht gut zu sein scheint. Es kommt aber natürlich auch auf die Hörer an, wie groß die Nachfrage ist. Vor drei Wochen haben wir einen Videoclip gedreht, wir hoffen, daß er überall wo Metal gespielt wird, was nicht viel ist, gezeigt wird. Wir schreiben natürlich auch schon Musik für das nächste Album.

Wird der Videoclip als Videokassette oder DVD verkauft werden?
Er ist eigentlich fürs Airplay gedacht, und für die TV – Shows im Internet. Weiteres steht noch in den Sternen.

Gibt es noch etwas, daß Du dem Interview hinzufügen willst, etwas was der Leser noch wissen sollte?
Ja, ich möchte den Lesern sagen, daß jeder, der extreme Musik mag sich unser Album einmal anhören sollte. Es handelt sich um Midtempo Musik, aber wir haben einen neuen Stil erfunden, der sich auf Black und Death Metal bezieht, der ein Subgenre bildet. Ich hoffe, daß Ihr dann sagt ‘Hey, das habe ich die ganze Zeit vermißt’, daß ihr vielleicht sagt ‘Hey, was ist das?’ aber daß ihr in die Musik hineinwachst oder auch umgekehrt, und daß ihr die Texte lest, und Euch zu Orten führen laßt, an denen ihr nie zuvor gewesen seid. Stay Metal. Wir würden uns freuen, wenn wir nach Deutschland kommen könnten und live spielen. Danke für die Unterstützung.

www.melechesh.com
www.osmoseproductions.com