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Kolumne: Metal Studies

18 November 2016

Fragt man in der Metal-Szene rum, so bekommt man häufiger zu hören, dass die Wissenschaft dem Metal schade. Die beste Musik der Welt würde von Forschern, die nicht einmal das erste richtige Metal-Album nennen können (Black Sabbaths „Black Sabbath“, right?) bis in die Unendlichkeit theoretisiert, verkompliziert und dem Mainstream vorgeworfen. Natürlich stecken hier ganz viele mal berechtigte, mal unberechtigte Vorurteile hinter. Andererseits ist das alles auch nichts Neues, denn die Metal-Szene (und Popular-Musik im Allgemeinen) beteiligt sich schon seit langem selbst an diesem Prozess. Sei es nun die aggressive Musik-Kategorisierung, die von (uns) Musikjournalisten und der Musik-Industrie voran getrieben wird, oder der starke Hang der Fans zur Vergeschichtlichung ihrer Musik: Die Metal-Szene betreibt also bereits selbst ihre eigene Forschung und Theorie-Bildung. Nachdem ich mich im Zuge meiner Bachelor-Arbeit mit wissenschaftlicher Metal-Literatur beschäftigt habe, möchte ich hier der Frage nachgehen, wie nun die wissenschaftliche Metal-Forschung aussieht und welche Chancen und Probleme das neue Feld der „Metal Studies“ bietet.

Schaut man sich allein die wissenschaftliche Literatur zum Metal an, und beginnt dabei schon in den 80er Jahren, so fühlt man sich in vielen Vorurteilen bestätigt: Die vorherrschenden Themen sind – in der Tendenz! – der Zusammenhang von Metal mit Drogenmissbrauch und Gewalttätigkeit. An manchen Stellen liest man sogar etwas von sexueller Desorientierung. Ergänzt wird dies noch durch Einträge in Rock-Musik-Lexika. Unabhängig von den Ergebnissen ist das Bild der Musik klar: Metal ist nichts weiter als lautes Gehabe, das zudem auch noch gefährlich ist. Das Erschreckende ist, dass sich diese Klischees in der Forschung bis in das 21. Jahrhundert halten und durch den Black Metal beflügelt noch durch die Themen Rechts-Extremismus und Satanismus ergänzt werden.

Als fast einzige, die Regel bestätigende Ausnahme kann man Robert Walsers 1993 veröffentlichtes Buch „Running with the Devil: Power, Gender and Madness in Heavy Metal Music” sehen. Trotz des polemischen Titels, wird hier das erste Mal wirklich auf das Musizieren – unter dem Schwerpunkt Virtuosität – eingegangen. Die Musikwissenschaft als eine Forschung, die sich mit der „schönen Kunst“ befasst, weigerte sich lange mit Popular-Musik (und damit auch Metal) auseinander zusetzten. Die fatalen Konsequenzen daraus waren, dass die Forschung (mit einigen Ausnahmen natürlich) nicht weiter als über die Attribute laut, schnell und aggressiv hinausgekommen ist und das Phänomen Metal musikwissenschaftlich noch nicht erschlossen werden konnte.

Seit den letzten zehn Jahren verändert sich dieser Umstand zum Glück. Die Metal-Forschung erlebt einen Boom. Viele der Forscher sind selbst Metalheads – ja, die Zeit in der Metal mal als Musik der Arbeiter-Klasse galt ist längst vorbei – und so ist der Drang auch wissenschaftlich für seine Leidenschaft zu brennen groß. In Folge dieses Booms gründet sich beispielsweise 2011 „International Society for Metal Music Studies“ (ISMMS), die den Begriff „Metal Studies“ einführte.

Medien-, Literatur- und Kunstwissenschaften, Soziologie und Philosophie all diese Disziplinen möchten sich mit Metal befassen, ihn als „Kultur und Welt“ zu begreifen, wie es der Sammelband „Metal Matters“ von Ralf Nohr und Herbert Schwaab nennt. Globalität, Identität und Gender sind die Schlagworte, die die alten Klischees mittlerweile abgelöst haben. Der musikwissenschaftliche Aspekt wird zwar immer noch von der sozio-kulturellen Betrachtungsweise dominiert, doch anhand von Büchern wie Dietmar Elfleins „Schwermetallanalysen: Die musikalische Sprache des Heavy Metal“ sieht man, dass auch hier Arbeit geleistet wurde den musikalischen Aspekt des Metals in den Vordergrund zu rücken.

Als Musikwissenschaftler sieht man den Metal nicht so sehr durch den Muff unter den Talaren gefährdet, als viel mehr die Chancen, die sich in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit ihm ergeben: Die Wissenschaft bietet nach all den Jahren des hingebungsvollen Befassens als Fan auch die Möglichkeit mit neuer Objektivität an die Musik und Szene heranzutreten. Vielmehr ist es aber auch eine neu gewonnene ästhetische Wertschätzung und die Untermauerung der heimlichen Gewissheit, dass die komplexe Metal-Welt einen immensen Einfluss auf die Kultur hat.
Metal goes back to Schööl – Kleiner Literatur-Kanon:

Elflein, Dietmar: „Schwermetallanalysen. Die musikalische Sprache des Heavy Metal“, 2010

Heesch, Florian u. Höpflinger, Anna-Katharina: „Methoden der Heavy Metal-Forschung. Interdisziplinäre Zugänge“, 2014

Kahn-Harris, Keith: „Extreme Metal. Music and Culture on the Edge“, 2006

Kahn-Harris, Keith (u. a.): „Global Metal and its Culture. Current Directions in Metal Studies“, 2015

Walser, Robert: „Running with the Devil. Power, Gender and Madness in Heavy Metal Music“, 1993

Weinstein, Deena, “Heavy Metal. The Music and its Culture”, 1991

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