Katatonia Interview

Eine der bedeutendsten, einflussreichsten und innovativsten Rockbands der letzten Jahre, Katatonia, legt mit ‘Last Fair Deal Gone Down’ ihr bis dato ausgereiftestes Album vor und ich bin mir ganz sicher, daß diese Platte, in spätestens 5 oder 6 Jahren, als Klassiker gelten wird, und daß außerdem viele Musiker Katatonia als Hauptinspirationsquelle angeben werden. Warum ich mir da so sicher bin? Nun, urteilt selbst und hört euch dieses intime Meisterwerk richtig an und ihr werdet es vielleicht verstehen können. Mit Sänger und Texter Jonas Renkse, dessen wunderbar zerbrechliche Stimme zu einem Hauptcharakteristikum der Band geworden ist, führte ich ein Interview, welches sich mehr mit dem Menschen Jonas Renkse, als mit dem üblichen Frageeinerlei, beschäftigt. Das hat auch einen ganz bestimmten Grund: Ich wollte erfahren, was einen dazu bringt, gerade solche Texte zu schreiben und gerade solche Musik zu machen. Natürlich bleibt auch dieses Interview nur ein Fragment, aber lest bitte selbst:

Was sind deine Erfahrungen – ist es leichter jemanden zu verlassen oder umgekehrt?
Jonas: Offensichtlich wiegt es schwerer von jemanden verlassen zu werden, da man sich mehr Gedanken um Scheitern und Bedauern macht… und jene Gedanken sind am schlimmsten.

Wann spürst du Einsamkeit – unter Freunden oder wenn du allein bist?
J: Eigentlich meist unter Leuten. Wenn ich für mich allein bin, dann habe ich mir das selbst ausgesucht. Bis zu einem gewissen Punkt mag ich das Alleinsein. Es muß ja einen Grund dafür geben, weshalb ich keinen siamesischen Zwilling habe.

Wie empfindest du die dumpfen Tage, die Tage an denen nichts geschieht, die Stunden der Leere? Wie rettest du dich davor? Mit Musik? Mit Schreiben? Mit Lesen?
J: Ich mache einfach das weiter, was ich immer tue – ich lese viel, höre Musik, spiele Gitarre. Ich versuche Pläne zu entwerfen, wie ich mein Leben zum Besseren verändern könnte.

Vor was hast du Angst?
J: Ich fürchte mich besonders vorm Fliegen. Ansonsten mache ich mir ständig über alles Gedanken, ich bin von Natur aus sehr nervös und das ist schier unerträglich. Aber Angst… Ich denke, die Zeit wird es zeigen, wenn ich möglicherweise meiner größten Angst, die ich glücklicherweise noch nicht kenne, ins Auge sehen muß.

Bist du der Ansicht, es war eine Art Vision als ihr vor so vielen Jahren den Namen Katatonia ausgewählt habt? Ich meine, ihr wart jung … und ihr konntet doch nicht wissen, daß dieser Name über all die Jahre solch eine passende Metapher für eure Gedanken über die Menschen sein würde … oder liege ich etwa falsch?
J: Nein, du hast schon recht. Damals wussten wir es wahrscheinlich nicht … wir dachten lediglich, daß es ein cooler Name wäre. Und nun macht es so viel Sinn … Ich bin mir nicht sicher ob es trotzdem Schicksal war, da ich an solche Dinge nicht glaube.

Du hast mit Anders (Anders Nyström alias Blakkheim) zusammen Katatonia gegründet und sicherlich habt ihr euch als Musiker und Individuen mit der Zeit weiterentwickelt.Was macht Ihn zu einem besonderen Freund? Wie vermeidet ihr es, euch als ganz gewöhnliche Menschen anzusehen? Ich meine, du schätzt ihn für etwas, das sehr wichtig für dich scheint, etwas, das du in anderen Menschen nicht finden kannst.
J: Ich nehme an, die Tatsache, daß wir so viel Zeit miteinander verbracht haben, daß wir eigentlich dazu ‘gezwungen’ waren uns so gut kennen zu lernen. Wir sind seit 10 Jahren zusammen in dieser Band und das beinhaltet Aktionen, die man normalerweise nicht mit seinen gewöhnlichen Freunden durchzieht – wie zum Beispiel auf der Straße zu sein und all die Dinge, die dazugehören… wie auf dem Boden, an Bushaltestellen, Flughäfen, Schiffen usw. zu schlafen und es tatsächlich zu schaffen durchzukommen und weiterzumachen. Ich schätze an ihm seinen musikalischen Verstand, der uns dorthin gebracht hat, wo wir heute sind.

Wie wichtig ist Musik für dein Wohlbefinden?
J: Sehr wichtig. Ich muß Musik hören.

Hast du einen Job oder studierst du irgend etwas? Falls das so ist, fühlst du dich frei darin?
J: Nein, ich mußte meinen Job kündigen, weil wir die Promotion für ‘Last Fair Deal Gone Down’ machen. Ich habe nur beschissene Jobs gehabt, da man immer dazu fähig sein muß zu kündigen, wenn etwas anliegt. Mein letzter Job war im Postbüro, ich habe die Briefe sortiert. Ich habe ungefähr fünfmal versucht mit dem Studieren anzufangen aber immer hat mich der Ehrgeiz verlassen. Das letzte Mal als ich eine Schule besuchte, verließ ich sie wieder nach der ersten Pause.

Kommen wir zum neuen Album: Erzähle mir ein wenig über die Produktion. Wie viele Gitarrenspuren habt ihr aufgenommen? Was macht den Sound so warm, offen und lebendig? Ich habe auch gehört, daß du hart an deinen Gesangslinien gearbeitet hast, richtig? Ich denke, du hattest immer deinen eigenen Gesangsstil aber jetzt scheint alles zusammenzupassen. Bist du zufrieden mit deiner Gesangsleistung?
J: Wir haben zwei Rhythmusgitarren, die dasselbe spielen, aufgenommen und dazu noch eine, manchmal zwei Leadgitarren, die verschiedenes Zeug spielen, drüber gelegt. Ich denke, der warme Sound rührt von der Tatsache, daß die Rhythmusgitarren dieses Mal ganze Akkorde anschlagen, d.h. mehr Seiten und Töne. Wir stimmen auch verschieden, um mehr interessante Akkordfolgen zu finden. Dazu kommt, daß im Sunlight Studio alles analog ist, keine digitalen Aufnahmehilfen werden verwendet, was zum Beispiel den Schlagzeugsound viel besser macht. Ich bin zufrieden mit dem Gesang, ich lerne mehr und mehr über meine Stimme, was ich tun kann, was ich nicht tun kann… Ich denke, ich fange gerade an den richtigen Weg dafür zu entdecken.

Ist es deine Handschrift auf den Textseiten? Für mich sind die Texte wie Fragmente aus deinem Lebenstagebuch – Gedanken, Gefühle – Momente in Worte umgewandelt. Ich denke, diese Art des Schreibens macht dich auf der einen Seite sehr zerbrechlich, nackt und nah, auf der anderen Seite irgendwie unantastbar, weil nur Du weißt, was die Texte, die Worte wirklich bedeuten. Wie denkst du darüber?
J: Ja, es ist meine Handschrift. Wann immer ein Album veröffentlicht ist, habe ich ein leichtes Gefühl des Unbehagens, weil die Texte sehr persönlich sind. Du hast recht, die Texte sind Fragmente aus meinem Leben, es ist meine Art mich selbst kennen zu lernen. Ich schreibe die ganze Zeit über kleine Dinge über das, was geschieht und das, was nicht geschieht, und schließlich endet es mit einer Schublade voller Notizen. Wenn es an der Zeit ist Texte zu einem Song zu arrangieren, muß ich sie zusammenfügen; es ist wie ein Puzzle die richtigen Teile, die zueinander passen, zu finden.

Wenn du auf ‘Brave Murder Day’ zurückschaust – wie fühlte es sich an, als eine andere Person Deine Gedanken, Deine Worte sang?
J: Es war in Ordnung, da Mikael (Mikael Akerfeldt, Sänger von Opeth) mein bester Freund ist. Er kennt mich besser als sonst irgendjemand, so daß ich annehme, daß er wusste, worüber er sang. Dennoch waren die ‘Brave Murder Day’ Texte nicht so persönlich als sie es heutzutage sind und daher bin ich mir nicht sicher, ob ich sie wieder einen Anderen singen lassen würde.

Gab es einen besonderen Grund deinen Schreibstil zu verändern? Was geschah damals? Eine schwierige Situation in deinem Leben?
J: Viele schwierige Situationen – ich wurde erwachsen, ich mußte dem Leben ins Gesicht sehen. Und schließlich wollte ich nicht mehr über Dinge schreiben, die ich nie erfahren habe. Ich spürte, daß ich mich selbst und mein Leben in den Texten einholen mußte.

Was führte zu dem Wendepunkt nach ‘For funerals to come’? ‘Brave Murder Day’ war ja danach ein großer Schritt in Richtung eures heutigen Stils.
J: Ja, ich denke, als wir irgendwie wieder zueinander gefunden hatten, wussten wir, daß wir nach neuen Wegen unsere Musik zu präsentieren suchen mussten. Ironisch genug, als ‘Brave Murder Day’ herauskam, haßten die Leute das Album wirklich und heute sagen die sie plötzlich, daß es unsere beste Leistung sei. Ich verstehe das nicht. Die Leute können von uns nicht erwarten, daß wir zwei Alben, die genau gleich klingen, aufnehmen… wie müssen stets neue Dinge ausprobieren, ansonsten würde die Band stagnieren und sterben. Ich denke der ‘Brave Murder Day’ Stil war etwas, was wir immer schon mal tun wollten aber wir hatten nie die passende Gelegenheit, um ihn auszuprobieren. Wir gingen damals ins Studio ohne einen einzigen Song geschrieben zu haben und waren abhängig von Improvisationen. Es führte letztendlich zu einem neuen Interesse unserer eigenen Musik gegenüber.

Wann veränderte sich dein Musikgeschmack? War das auch ein Grund für eure rasche Entwicklung?
J: Ja, ich hatte bereits ein paar Jahre vor ‘Brave Murder Day’ die Schnauze voll von diesem ‘Metal’ Ding. Ich wurde einfach müde davon, da ich Metal schon hörte, als ich ein Kind war. Und plötzlich realisierte ich, daß es keine coolen Bands, keine coolen Alben mehr gab, mit denen ich mich identifizieren konnte. Daher hatte ich, als wir ‘Brave Murder Day’ aufnahmen, einiges an neuen Ideen.

Zurück zu ‘Last Fair Deal Gone Down’: Viele Leute behaupten, dieses Album sei heller als die letzten Platten. Meiner Meinung nach besitzt jeder Song eine besondere Atmosphäre, die jedoch niemals hell ist. Sind die Leute also taub oder hören sie nur den dumpfen Klang der Oberfläche? Nach meinem Empfinden ist die Dunkelheit auf ‘Last Fair Deal Gone Down’ ein wenig unterschwelliger aber sie ist immer gegenwärtig und das in einer äußerst beklemmenden Art und Weise (Tonight’s music, I transpire). Wie denkst Du darüber?
J: Ich weiß, daß Tonight’s decision’ sehr dunkel, sehr klaustrophobisch gewesen ist und daß ‘Last Fair Deal…’ anders klingt. Es ist wahr, daß es subtiler ist. Ich denke aber auch, die Tatsache, daß wir hart daran arbeiteten ein noch viel abwechslungsreicheres, interessanteres Album zu machen, verleitete viele Leute zu dem Glauben, es sei nicht so dunkel. Vielleicht ist ein Teil des Materials nicht so pechschwarz als auf Tonight’s decision aber ich denke, die gesamte Stimmung ist doch äußerst trist.

Wie würde es klingen, wenn du ein Soloalbum aufnehmen würdest und hast du irgendwelche Ambitionen in dieser Richtung?
J: Hmm, ich glaube, daß ich mal drüber nachgedacht habe aber es ist nichts, was ich mir wirklich wünschte zu tun, zumindest jetzt nicht. Ich nehme an, es würde anders klingen. Aber ich weiß nicht wie, fällt mir jetzt nichts dazu ein.

Wie siehst du dich selbst zwischen Nüchternheit und Rausch?
J: Wenn ich trinke, beginne ich Möglichkeiten zu sehen, ich mache Pläne für die Zukunft und solche Dinge. Ich werde wahrscheinlich gesellschaftsfähiger und offener aber es kann auch genau andersrum verlaufen. Ich versuche mein Trinken auf einem ‘normalen’ Level zu halten aber das ist schwer, da ich keine Verpflichtungen, keinen Job, keine Schule, kein Nichts… habe. Und das bedeutet, ich kann trinken, wann immer ich möchte. Vielleicht zu oft.

Wie wichtig sind Augenblicke für dich – ich meine damit die Momente, wenn für eine Sekunde alles so perfekt scheint? Atmest du sie, obwohl du weißt, daß sie dich wieder verlassen werden, obwohl du weißt, daß du wieder dieselbe Trübheit fühlen wirst wie vorher? Ich denke, es ist es wert auf diese kleinen Funken zu warten…
J: Ja, ich liebe diese Augenblicke. Sie kommen gelegentlich vor und ich versuche so viel wie möglich aus ihnen zu ziehen. Sie geben mir ein Gefühl der Hoffnung, daß es tatsächlich etwas gibt, wofür es sich zu warten lohnt und daß ich vielleicht einmal die Chance bekomme glücklich zu sein.

Lebst du allein?
J: ja, ich lebe allein. Trotzdem habe ich noch eine Katze.

Kannst du mir ein paar kurze Statements zu den folgenden Bands oder Künstlern geben: Slowdive, The Cure, My Bloody Valentine, Will Oldham, Red House Painters, Anathema, Ulver, A perfect circle
J: Slowdive – Eine Band, die mich vor einigen Jahren wirklich begeisterte, ich denke sie machten ziemlich coole Musik.
The Cure – Ich hatte gerade wieder eine Periode als ich meine ganzen Cure Platten durchhörte…sie sind ein großer Teil meines Lebens gewesen und ich denke, sie sind es noch immer.
My Bloody Valentine – Ich habe nicht viel von ihnen gehört…dennoch ist ‘Loveless’ ein cooles Album.
Will Oldham – Der Typ ist fantastisch, trotzdem ist seine neue Platte nicht so gut, wie ich eigentlich erhoffte. Aber ich bin ein großer Fan, ich sammele seine Platten.
Red House Painters – Sie liegen mir am Herz seit ich eines ihrer ‘S/t’ Alben gekauft habe, ich betrachte sie immer noch als eine der besten Bands, die ich je gehört habe. Trotzdem ist ihr neues Material nicht so gut wie ihr Früheres.
Anathema – Coole Typen, sie sind sehr talentiert obwohl einiges von ihrem Material nicht nach meinem Geschmack ist.
Ulver – Habe ich noch nie richtig gehört.
A Perfect Circle – Sehr gute Band, obgleich ich Tool bevorzuge, sie sind unschlagbar.

Kommen wir zu October Tide: War es das Projekt von Fred oder war es deine Idee?
J: Anfangs war Fred sehr aktiv und kam mit den meisten Ideen und Songs an. Aber auf ‘Grey Dawn’ schrieb ich den Großteil des Materials. Aber ich glaube es war unser beider Idee.

Habt ihr irgendwelche Tourpläne für den Herbst? Ich bin mir sicher, die Leute in Deutschland wollen euch endlich auf der Bühne sehen.
J: Wir sprechen gerade über eine Europatour … hoffentlich im September/Oktober. Noch ist nichts entschieden aber wir wollen definitiv hier herauskommen und unser neues Album einer ahnungslosen Menge vorstellen.

Dein letztes Statement
J: Danke für dein Interesse und deine Zeit.

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