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In Flammen Open Air 2018

3 September 2018

Eines der Festivals, bei dem es tatsächlich noch gemütlich und familiär zugeht, trotz Zuwachs in den letzten Jahren, lädt seit nunmehr 13 Jahren, 10 davon an frischer Luft, nach Torgau zum Ententanz….äh, an den Entenfang. Enten? Stichwort: wunderschönes, idyllisch gelegenes Gelände vor den Toren der Stadt mitten in der Natur, nur Wiese, Weide und Acker. In wenigen Minuten Entfernung lädt ein See oder aber auch das schmale Flüsschen zum Abkühlen ein. Die Bühne steht zwischen großen, alten Bäumen, so dass man bei den Temperaturen noch ein schattiges Plätzchen abbekommen kann. Eigene Getränke darf man nach wie vor mit zur Bühne nehmen, jedoch ist es Brauch, sich an der berühmt berüchtigten „Froschkotze Bar“ bei einem frisch gezapften kühlen Bier und allerlei Zaubergetränken zu treffen.

In den letzten Jahren ging die Anreise ohne Probleme mit nur geringer Wartezeit vonstatten, doch dieses Jahr gab es einen regelrechten Ansturm auf die Warm-Up-Party, denn niemand Geringeres als Cannibal Corpse sollten heute der Headliner sein. Das führte dazu, dass ca. 1000 Leute mehr als erwartet schon am Donnerstag ihre Zelte aufschlagen wollten und dies führte zu einem Superstau, der bis vor die Tore der Stadt eine lange Blechlawine verursachte, die nur sehr langsam vorwärts kam. So geschah es, dass etliche Fans die Show der 4 Bands leider teilweise oder sogar komplett verpassten.

So verfehle auch ich leider HUMAN PREY und CARNATION, jedoch sollen beide einen guten Start hingelegt haben, wie man von anderen Seiten zu hören bekam.

PILLORIAN haben ihr 1. Album „Obsidian Arc“ im Gepäck. Das konnte schon etliche positive Kritiken einheimsen und es sind tatsächlich einige Ohrwürmer drauf wie z.B. „Archaen Divinity“. Die Knüppel-aus-dem-Sack-Fraktion kann dem eher melodischen Set vielleicht nicht viel abgewinnen, aber da sind zum Glück die Geschmäcker verschieden.

Langsam aber sicher ist der Großteil der Leute vor Ort, die den langen Anreisestau überstanden haben. Vor der Bühne jedenfalls gibt es kein Halten mehr, als endlich George „Corpsegrinder“ Fisher mit seinen Mannen die Bühne entert und keine Gefangenen macht. CANNIBAL CORPSE haben 2018 tatsächlich schon ihr 30-jähriges Jubiläum! Es kreisen Häupter mit Corpsegrinder, genannt „The Neck“, um die Wette, der Sieger ist bekannt. Bei Nackenbrechern wie u.a. „Hammer Smashed Face“ und „Make Them Suffer“ bebt der Entenfang, kollektives Ausrasten steht auf der Tagesordnung! So voll war es donnerstags noch nie zum Warm Up! Während die einen sagen, das Ganze wirkt zu routiniert, feiern die anderen frenetisch. Ein würdiger Auftakt, der bis auf ein kleines technisches Problem auch mit einer dicken Soundwand die Bäume zum Zittern bringt. Nach gut 1,5 Stunden ist der Zauber vorbei und völlig durchgeschwitzt und mit einem breiten Grinsen wird die Froschkotzebar gestürmt, um sich bei einem kühlen Bier zu erfrischen und das ein oder andere leckere Tröpfchen zu verkosten, denn wie sagte Corpsegrinder noch: „The night is just beginning…

Wer am nächsten Tag einen Kater hat, ist selber schuld. Wozu gibt es diverse Kontergetränke? Gut eingestimmt findet man sich wieder an der Bühne ein, es ist Freitag und der Tag beginnt bilderbuchartig. Die Sonne scheint schon durch die Baumwipfel, als die Berliner von SPACE CHASER, sie scheinen mit ihren Schlauchjeans aus einem 80iger Jahre Metal-Magazin entsprungen, die Hauptbühne betreten und mit ihrem charmanten Thrash die schon zahlreich erschienenen Leute aufwecken. Wer zu lang geschlafen hat und sie verpasst hat, der schaut sich die zahlreichen herrlichen Videos im Netz an und sollte sich zum nächsten Live-Gig hinscheren.

BLASPHEMER liefern ein derbes, schwarz verkohltes Brett ab. Man hört immer wieder „Satan“-Rufe und diesem huldigen sie auch würdig in brütender Mittagshitze, indem sie versuchen, mit ihrem blasphemischem Black Metal die Sonne zu verdunkeln. Zeitweilig gelingt ihnen das, jedoch kommt der Gesang dann mit der Zeit etwas zu eintönig rüber.

Das In Flammen hat seit ein paar Jahren eine 2. Zeltbühne aufgebaut, auf der sich abwechselnd mit der großen Bühne die Bands die Klinke in die Hand geben. Jedoch hat man an diesem Freitag das Pech und die 1. Band – FAANEFJELL, die in der Zeltbühne schon in den Startlöchern steht, muss erst mal die Meute, die schon grölend und schreiend den Soundcheck bejubelt, warten lassen, denn der Strom verabschiedet sich. Nach einer kurzen Verzögerung geht es los, die zieht sich allerdings über den ganzen Abend, so dass man tatsächlich auch mal eine lange Pause ohne Musik – weder auf der einen noch auf der anderen Bühne – verbringen muss. Wehe dem, der nach dem Zeitplan jede Band sehen will, denn es wird leider sehr oft parallel gespielt. FAANEFJELL, die nun mit ihren blutig verschmierten Trollklamotten auf der Bühne stehen, können endlich anfangen. Manch einer im Publikum raunt, dass sie schon seltsam sind. Doch so ist halt die norwegische, folkloristisch-schwarzangehauchte Trollmusik. Und das alles ohne Lachen, auch wenn manch einer das vielleicht anders erwartet hat!

Zack, rüber geht’s zum Kontrastprogramm. Auf der Hauptbühne spielen SPASM, verbal und textlich mächtig sexistisch, doch wem es hier an Humor fehlt, der geht spätestens als Radim auf der Bühne im Sportschlübber erscheint, denn seinen Boratanzug hat er leider vergessen. Im Publikum erblickt man Ersatz, jedoch ist ein Kostümtausch wohl etwas unangebracht, so ziehen die wild und bunt angezogenen Fans ihre Runden im Kreisverkehr und schwingen Klobürsten und Dinos. Wem es zu bunt wird, der liegt damit nicht so falsch, denn hier wird Spaß groß geschrieben. Alte Hits und neue Lieder erklingen und der Rinderwahnsinn hat endlich einen Namen!

Weiter geht’s im Zelt mit CALLIOPHIS aus Leipzig und ihrem gefühlvollen Death Doom. Mit getragenen Melodien und tiefschwerem Bass schaffen sie eine dichte gefühlsgeladene Atmosphäre. Viel Zeit bleibt leider nicht zum Reinhören, denn durch die zeitliche Verschiebung geht’s schon wieder rüber zur Hauptbühne, auf der die Finnen von SHADE EMPIRE, die heute Tourauftakt mit Nordjevel und Hate haben, am Werke sind. Auch sie schaffen es unter den Schatten der alten Bäume mit ihrem symphonischen Dark-Metal und mit viel Epik eine getragene Atmosphäre zu erzeugen. Eine eher zum Zuhören bestimmte Musik, ohne viel Bewegung im Publikum. Aber vielleicht ist es einfach zu warm, denn die Temperatur ist mittlerweile jenseits von Gut und Böse.

„Darf Black Metal schön sein?“ So liest man über DEKADENT im Vorfeld und die Frage wird mit „Ja!“ beantwortet. Harte Metaller schweben auf einer Woge von Emotionen, das ganze Zelt feiert und jubelt. Die Slowenen zaubern neuen und alten Fans ein Lächeln ins Gesicht. Dekadent sind selten gesehene Gäste in deutschen Gefilden, die mit ihrer epischen Seelenmusik und den dunkel düsteren Vocals von Multitalent Artur Felicijan zu begeistern wissen. Lass deine Schubladen weit geöffnet und höre mit dem Herzen!

So heiß und emotional, wie es im Zelt gerade war, so geht’s doch gleich um etliche Grade kühler auf der Hauptbühne zu, denn die Mannen um Doedsadmiral haben die Kälte schon in ihrem Namen: NORDJEVEL. Eiskalter Black Metal vom Feinsten, mit Leuten, die schon in einigen Bands ihre Hand im Spiel hatten, mit herrlich garstigem Gesang und finsteren Minen. Da wird einem schön kühl, klirr….

Schnell zum Aufwärmen ins Zelt, denn hier brennt schon die Luft. CHAOS AND CONFUSION heizen dem Publikum, das begeistert die Arme gen Bühne schwingt und mitsingt, ein: denn hier wird den überwiegend alten Hypocrisy Klassikern Tribut gezollt. Im Vorfeld hört man Stimmen, die eher nüchtern ins Zelt kamen und dann sagen: „Das hätte ich so nicht erwartet“ um sogleich in die begeisterten „Zugabe“-Rufe mit einzustimmen.

Was des einen Aufstieg, ist des anderen UNDERGANG. Tolle Überleitung, schön flach, denn tiefer wird’s gleich. Was bitteschön ist das denn? Verzückte Gesichter und begeistertes Kopfschütteln unter alten Eichen ist angesagt: Undergang liefern ein dickes fettes Oldschool-Todesbrett vom Allerfeinsten. Am meisten fällt da die herrlich modrige Stimme Torturdød´s auf, die aus den tiefsten Kellergewölben hervorgeholt scheint. Rotten-Death-Metal aus Dänemark, wie herrlich! Ein Gerumpel auf der Bühne, so dass sich der Weichspülmetaller die Augen reibt! Der Tour- äh Merch-Bus, der dann auf der grünen Wiese vor dem Zelt dekoriert wird, kann einen Riesenansturm erwarten!

Die Dänen haben im Juli ein Split mit GOREPHILIA, ihren Tourbuddys, rausgebracht und genau dahin geht’s jetzt. Im Zelt stehen eben jene auf der Bühne und haben auch ein mächtig brutales Oldschool-Set mit richtig schönem Groove im Gepäck, das richtig Spaß macht.

Mit URN geht’s dann mit dunkelschwarzem Thrash weiter. Sie haben ihr letztes Album „The Burning“ im Gepäck und es brennt schön auf der Bühne. Sulphur hat neue Mitstreiter um sich geschart, so dass es auch Ende des Jahres neues Material geben wird.

Die Franzosen von NECROWRETCH dürfen heute als letztes das Zelt so richtig zerlegen. „Satanic Slavery“ nennt sich ihr letztes Album, dreckig roh, herrlich rotzig geht’s hier zur Sache.

Durchatmen! Die Zeltbühne hat Feierabend für heute, großen Respekt an dieser Stelle an die Bühnencrew, die dort bei brütender Hitze wie in einer riesigen Sauna ganze Arbeit leisteten! DREAD SOVEREIGN ist dem Hirn von Alan „Nemtheanga“ Averill entsprungen. Entstanden ist ein beklemmend schwerfälliges Doom-Metal-Gewächs, das bei Liebhabern der leisen langsamen Töne Anklang findet, doch der Rest der Knüppelfraktion ist dann wohl erst mal an der Bar. Richtig voll ist es nicht vor der Bühne, doch das tut der Stimmung keinen Abbruch. Die ist ruhig und Anwesende lauschen den doomigen Klängen mit der nötigen Andacht.

Langsam geht die Sonne unter. Sie scheint rot durch die schönen alten Bäume auf die Bühne, die in blaues nebliges Licht getaucht ist. Schemenhaft sind BÖLZER auszumachen. Das Schlagzeug hinten ist nur zu erahnen, so sieht man nur Okoi Jones, der wohl eine Riesenportion Talent von seinem Vater in die Wiege gelegt bekam, allein in der Mitte der Bühne stehen. Die Schweizer haben längst eine große Fangemeinde für ihre emotionsvolle Musik und nur zu zweit erreichen sie auch heute wieder so eine großartige eindringliche Atmosphäre, dass man einfach nur fasziniert schwelgen kann – nach den letzten Tönen bleibt man beeindruckt vor der Bühne stehen. Die wenigen Leute, die irgendwas von „langweiliger Selbstdarstellung“ zischen, sind längst gegangen…

HATE wurden ein Jahr vor Behemoth gegründet und auch sie sind aus Polen, eine gewisse musikalische Ähnlichkeit kann man ebenso nicht abstreiten. Macht das was? Heute jedenfalls hinterlassen sie mit ihren wuchtigen Salven und den dunkel finsteren Growls ein zufriedenes Publikum und auch so manchen neuen Fan, der sie vorher noch nicht auf dem Zettel hatte! Mit einem frischen Vertrag mit Metal Blade Records wird man 2019 neues Material erwarten dürfen! Doch vorher geht’s auf Welttournee, deren Auftakt der heutige Abend ist.

Im letzten Jahr beschließen David Vincent, sein Bandkollege Tim Yeung, Ira Black und Bill Hudson I AM MORBID ins Leben zu rufen, um die alten Morbid Angel Songs, aber nur die aus der Feder von Vincent, nicht in der Mottenkiste verrotten zu lassen. Diese Erweckung gelingt vortrefflich, es werden die alten Klassiker der ersten vier Alben gespielt: “Altars Of Madness”, “Blessed Are The Sick”, “Covenant” und “Domination”. Mit “ Immortal Rites” beginnt die Zeitreise, die nach etlichen Songs mit „God Of Emptiness“ und „World Of Shit“ beendet wird. Die Spielfreude verbreitet sich von dem Quartett auf der Bühne in die Massen, die frenetisch feiern. Für alte und neue Jünger wird das hier eines der Highlights des Festivals werden.

Doch der Abend ist noch lange nicht beendet, denn jetzt geht’s erst richtig los. TARANTEL aus Dessau sind mit der Tributshow an Iron Maiden endlich wieder mal in Torgau. Wie beim letzten Mal leiten sie nach dem Headliner die nächtliche Party ein. Mit Ohrwürmern wie: „Number Of The Beast“, „Fear Of The Dark” oder “Run To The Hills” haben sie die Meute, die lauthals mitsingt, fest im Griff. Eine Woge der Sympathie zieht sich durch die Reihen. Tarantel gibt es übrigens seit 42 Jahren und gehören damit zu den Urgesteinen der Ostdeutschen Metalszene, eine großartige Leistung und ein würdiger Abschluss dieses wundervollen Tages!

Samstag: Langsam regt sich das Volk und streift sich die Nacht aus den Gliedern, denn In-Flammen-Nächte sind kurze Nächte! Auf dem Gelände befinden sich Dusch- und Toilettencontainer für morgendliche Rituale, allerdings gibt es hier ein großes Manko: Die Herrlichkeit steht ewig an ihren Container an, denn hier gibt es nur eine Kabine, abgesehen von den Möglichkeiten der festen Toilettenanlagen ist das leider zu wenig. Da wird um Nachbesserung gebeten! Nichtsdestotrotz steht man frisch gestärkt oder auch noch nächtlich zerknittert vor der Bühne auf der gerade FUBAR aus den Niederlanden das Eröffnungsprivileg haben. Der Fronter trägt ein Shirt mit einer klaren Ansage: „FCK NZS“, eine Andeutung an vielleicht umstrittene Bands, die später noch spielen werden? Jeder darf sich seine eigene Meinung bilden! Mit crustigem Grindcore werden die Leute noch nicht wirklich warm und so geht’s langsam zum herrlich verrückten Höhepunkt des Festivals.

Der Platz füllt sich, alle warten auf das Ereignis, dass schon zur guten Tradition geworden ist. Tische und Bänke werden zu einer großen Tafel zusammengeschoben und diese füllt sich nach und nach mit erwartungsvollen Gesichtern, denn jetzt gibt es liebevoll selbstgebackenen Kuchen und Kaffee für jeden. Eine wunderschöne Sache, denn wir sind ja schließlich auch auf einer Gartenparty, da ist Kaffee und Kuchen Pflicht! Ein großer Dank geht an die vielen fleißigen Kuchenbäcker, denn der ist nämlich gratis für alle!

Nach soviel Gaumenschmaus folgt nun die emotionalste Show des Festivals, doch wer sollte schon wissen, wie sich die Ereignisse überschlagen werden? Grindcore ist schon immer ein Teil vom In Flammen, Anhänger dieser Spielart haben sich feingemacht und holen ihre bunten Kittelschürzen, Klobürsten und den aufblasbaren Pelikan raus und los geht’s mit dem verrückten Stelldichein vor der Bühne. SERRABULHO aus Portugal animieren das Publikum zum Kreisverkehr. Der abgeneigte Schwermetaller verzieht sich und verpasst, dass wenige Lieder später Thomas, der Veranstalter himself auf die Bühne geholt wird und einfach mal mitmischt und ins Mikro singt…äh grunzt. Die Meute tobt, Carlos Guerra springt unterdessen ins Publikum und singt mit den Leuten vor der Bühne munter weiter in sein Kehrschaufelmikro auf dem liebevoll gemalt steht: „Grind Is Love“ und genau das ist das Motto für das nächste Ereignis. Das Lied wird jäh unterbrochen für eine „wichtige Durchsage“ und so kommt es, dass auf der Suche nach einem angeblichen Falschparker ein Festivalgast auf der Bühne erscheint, der seine langjährige Lebensgefährtin mit Unterstützung des Publikums auf die Bühne ruft und ihr vor versammelter Mannschaft kniend einen Heiratsantrag macht. Romantischer geht’s nicht, oder? Nach der allseits umjubelten Zusage wird noch ausgiebig weitergefeiert, herrlich!

Jetzt wird’s aber Zeit. Ab ins Zelt, denn die Leipziger von ZEIT haben ein schön atmosphärisches Set im Gepäck. Schubladen können oft störend sein und so kann man schwelgen in der gut gefundenen Mischung aus vielen Richtungen und Einflüssen. Mit schwarzer Kleidung und durch Kapuzen abgeschirmt lenkt nichts weiter ab von der atmosphärischen Musik, die „urbane“ Themen behandelt.

Bleiben wir im Zelt, eine Saunalandschaft mit wunderbarer Musik und Bier. Der Schweiß rinnt und das Set von GRIM VAN DOOM beginnt, die sich der Musik mit fettem Groove und dunklen schweren Bässen verschrieben haben. Eine mächtig kraftvolle, emotional und mitreißende, wunderbar dichte Atmosphäre entsteht, das Zelt kocht! Leo, der auch bei Morast trommelt, wird heute durch Thorben ersetzt, der das mit Bravour meistert.

Raus aus dem Zelt, schweißgebadet geht’s ab zur Hauptbühne in den Schatten, doch auch dort ist keine Abkühlung in Sicht: NERVOSA, die drei Brasilianerinnen, die den Thrash zelebrieren, haben kein Erbarmen. Der Ventilator ist gen Bühne gedreht und lässt die Haare von Fernanda Lira wehen, die mit grimmigen Blicken und wilden Gesten das Publikum in ihren Bann zieht. Was für eine Power!

Mit nur einer EP und dem Album „Trance Of Death“haben VENENUM schon beinahe Kultstatus bei einigen erreicht. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten und so versammeln sich die Fans und huldigen dem Death Metal, den die Bandmitglieder diverser anderer Bands, wie Division Speed oder Hellish Crossfire auf ihre Art und Weise interpretieren. Ich bin der festen Überzeugung, dass sich manche Sachen in düsteren Clubkellern einfach besser entfalten.

Mit atmosphärisch gefühlvollen und facettenreichen Doom geht’s im heißen Zelt weiter, hier kann man sich der Musik für feinsinnige Gemüter hingeben und schwelgen. Dunkeltiefe Growls und sanfte Gitarrentöne ergeben ein wunderschön dichtes Konstrukt. Bewegte Emotionen und Gänsehaut, das sind die Reaktionen von so manchem im Zelt, als AD CINEREM die letzten Takte verklingen lassen.

Hamish Glencross und Drummer Shaun Taylor-Steels ergänzt durch Bassist Mummford fügen sich zusammen zu GODTHRYMM und haben es sich zum Ziel gemacht, Musik im Stil u.a. alter Solstice oder früherer Paradise Lost zu erschaffen. Kombiniert mit den Erfahrungen von heute kommt ein neuer, erdrückender und apokalyptischer Doom-Metal heraus, der melancholisch ist aber einen fies giftigen Sound hat. Freunde der dunkel düsteren Musikkunst kommen hier jedenfalls auf ihre Kosten, denn die 1. EP, „A Grand Reclamation“, ist schon mal nicht zu verachten und man kann gespannt sein, was sich da in Zukunft noch tut!

Nebenan sind unterdessen die Naturmystiker von MOSAIC dabei, das Zelt einzunebeln und zu beweihräuchern, um ihr naturverbundenes, mystisches Set zu untermalen. Allerdings sind dort immer noch gefühlte 66°C und es fühlt sich an, wie ein Sauna-Aufguss, als sich der Duft der Räucherbündel im Zelt verbreitet. Mosaic ist Inkantator Koura´s Soloprojekt, das Themen um Brauchtum und die Natur behandelt und für das er Gastmusiker um sich versammelt hat. Auch hier stört leider die taghelle, kochend heiße Situation, um sich ganz darauf einzulassen, was sonst bei der wundervoll facettenreichen Musik sehr gut gelingt.

Schwarzangehauchtes, melodiöses Todesblei ist auf der Bühne zu hören, Henri Sattler gibt sich die Ehre, mit GOD DETHRONED Torgau zu besuchen. Die Triologie des Konzeptalbums über den Krieg ist im Gepäck und so feiern und zelebrieren God-Dethroned-Anhänger die erneute Existenz der Band, die bisher nun mal ganz schön sinuskurvenartig war. Das Gaspedal wird durchgetreten, was eine großartige Dynamik erzeugt, Freunde des anspruchsvollen Death-Metal kommen ganz auf ihre Kosten.

Auch in süddeutschen Gefilden tut sich so einiges. So haben es GOATH geschafft, innerhalb weniger Zeit einen guten Bekanntheitsgrad zu erreichen. Resonanzen aus dem Publikum gehen von „völlig überbewertet“ bis zur Begeisterung, es gibt halt immer wieder gespaltene Meinungen über Musik! Phänomen Hitze plus Helligkeit trübt wieder mal die Empfindungen und die Atmosphäre, damit der grimmig satanische War-Metal sich so richtig entfalten kann, wie damals im Oberhausener „Helvete“, als sie mich so richtig beeindruckten.

Freunde der schöngeistigen Kunst bleiben allerdings im Zeltnähe, denn SAOR aus Glasgow haben sich angekündigt. Brechend voll ist es, als sie die Bühne betreten. Mit atmosphärischen Folk haben sie sich eine breite Fanbase geschaffen. Ein wunderschönes Ambiente, untermalt mit melancholischem Gesang und düsteren Passagen, die immer wieder mit Violine unterstrichen werden, entsteht. Eigentlich ist Saor ein Ein-Mann-Projekt von Andy Marshall, der damit die Liebe zu seiner Heimat und dieser gewaltig schönen Natur der schottischen Highlands ausdrücken will und das gelingt ihm beeindruckend.

Der Tag geht langsam in den Abend über und es wird Zeit für IMPALED NAZARENE, die drüben auf der Bühne ihren finster fiesen Black Metal mit einer gewissen punkigen Note zelebrieren. Sie waren und sind umstritten, doch jeder gesunde Menschenverstand kann sich selbstständig informieren und sich seine eigenen Meinung bilden! Ähnliches Image haftet auch an TAAKE. Ich mag die Shows beider Bands und mir geht es damit nicht alleine so.

Im Zelt ist endlich Feierabend, die Sauna ist geschlossen. Die Meute konzentriert sich jetzt an der Hauptbühne. Erwartungsvolle Gesichter: Wie werden CANDLEMASS klingen ohne Messiah Marcolin? Es gibt ja viele Skeptiker, doch halt! Was Mats Levén für eine Bühnenpräsenz hier an den Tag legt, wie er das Publikum mitreißt, wie er Bedenken einfach so von der Bühne aus wegwischt und wie er dem einen oder anderen Gänsehaut oder gar Tränen beschert, ist unglaublich. Candlemass-Jünger sind beeindruckt von dem was da auf der Bühne vonstattengeht; die Magie überträgt sich auf das Publikum, ganz großes Kino! Gemeinsam zelebriert man diese wundervolle Show, bei der das Publikum jede Textzeile mitsingt und eine Woge der Sympathie von der Bühne zum Publikum und zurück geht. Emotionen pur, als am Ende des Sets die gesamte Band sich sichtlich gerührt vor dem Publikum verneigt.

Mark „Barney“ Greenway hatte gestern Geburtstag und wo feiern er und die Mannen von NAPALM DEATH? Hier in Torgau und das wird gebührend gewürdigt, er bekommt eine vegane Geburtstagstorte überreicht mit einem Geburtstagsständchen vom begeisterten Publikum. Barney ist ein wahres Energiebündel und hält sich kaum 3 Sekunden an einer Stelle auf. Die Magie springt auf die Massen vor der Bühne über, sie feiern die kurzen knackigen Songs, die Setliste ist dadurch ellenlang. Wie gewohnt gibt es klare Ansagen gegen rechts. Während Shane Embury (Napalm Death) und Mika Luttinen (Impaled Nazarene) im Backstage nachmittags zusammen Selfies machten, merkt man, dass es nicht nur schwarz und weiß gibt. Am Ende spielt hier die Musik die allergrößte Rolle!

„Wieso steht dann da ein Gartenzaun?“, so der O-Ton eines Besuchers, gemeint ist die Bühnendeko. Für manchen wirkt es zu überladen, andere wiederum sind beeindruckt und harren der Dinge, die da kommen werden. Immer wieder erlebe ich bei Auftritten von ATTIC, dass sie polarisieren: Nun, wer u.a. mit King Diamond oder Mercyful Fate nichts anfangen kann und Angst vor zerberstenden Scheiben hat, der wird jetzt schon lange an der Bar stehen, Fans jedoch loben sie in den höchsten Tönen. Der Meister des Falsett-Gesangs, Cagliostro, versteht sein Fach und weiß mit seinen Musikern eine düster spannende Atmosphäre im Stile des klassischen Metal zu erzeugen.

Leider sind das nun die letzten Töne, die an diesem wunderbaren Wochenende von der Bühne erklingen sollten. Als Fazit kann ich nur sagen: Es war wieder mal sehr gemütlich, viele bekannte und unbekannte Gesichter gaben sich ein Stelldichein und so hat man immer wieder das Gefühl, als wäre es ein Klassentreffen mit einer bunten Mischung an Musikrichtungen, kühlem Bier und Natur. Für nächstes Jahr ist schon ein Ticketlimit angekündigt, das 1. Mal, seit Bestehen. Nach dem Anreisechaos und bei der immer größeren Fangemeinde, die nach Torgau pilgert ist das eigentlich keine üble Idee, denn familiär und überschaubar sollte es schon bleiben. Respekt und ein großes Lob gehen an die Crew, die Zuschauer, die Bands und an Thomas Richter. Für mich wird es Tradition bleiben und ich freue mich schon auf nächstes Jahr, wenn es wieder heißt: „METAL IST FREIHEIT!“

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