DEHUMAN REIGN Interview

– Von geschundenen Knochen, Seelenwolken und henochischen Schlüsseln –

Donnerstag, der 18.08.2016. Wir finden uns vor dem Proberaum von Dehuman Reign im Orwohaus (Berlin) ein. Ein Poster der Band an der Tür weist uns den Weg. Das Schlagzeug klingt aus dem Raum, in den wir die Köpfe hineinstecken. Totte (Schlagzeug) ist als erster der Truppe vor Ort. Nach und nach trudeln Alex (Gesang), Ulf (Gitarre) und Rouven (Bass) ein. Tesk (Gitarre) ist leider an diesem Abend verhindert, so dass ich ihm die Fragen nachträglich zusende. Die Stimmung ist entspannt, im Bandkühlschrank liegen genug kühle Bierchen…

 

Bevor wir über das Album quatschen, lasst uns noch einmal zusammenfassen, was als letztens passiert ist. Euer Album “Ascending from below” ist am 27.05.2016 erschienen und ein bisschen mit Verspätung kam dann auch das Vinyl heraus. Es sollte am 15. Juli eine Release- Party mit Euch als Band geben, doch dann ist etwas schiefgegangen. Totte (Schlagzeug) ist leider mehr oder weniger über den Lenker gehüpft. Wie geht es Dir denn jetzt? Bist Du auf dem Weg der Besserung? Bist Du jetzt wieder in Topform? Wie geht es Dir?

Totte: Also, auf jeden Fall kann ich wieder spielen, das ist schon mal die Hauptsache. Ich habe noch ein bisschen Schmerzen, aber das geht wieder.

 

Also Du bist wieder einsatzbereit, quasi. Das freut uns doch zu hören.
Dann sind wir gleich bei der nächsten Sache: Ihr habt jetzt im Oktober einen Konzerttermin in den Niederlanden…

Totte: Am 15.10.2016 in Hoogeveen zusammen mit Purgatory und Dead Will Walk.

…und am 28.10.2016 in Chemnitz

Totte: Genau, in der Sanitätsstelle. Außerdem spielen wir am 11.11.2016 beim Ear Terror Fest in Emden, am 26.11.2016 in Kusel auf dem Blastfest, am 09.12. in Wolfsburg und am 10.12. in Greifswald.

 

Abgesehen von diesen Konzertterminen, offeriert Ihr jetzt einen Nachholtermin für den Gig, den ihr sausen lassen musstet in Berlin, oder müssen wir Berliner noch länger darben?

Rouven: Am Jahresende wahrscheinlich.

Ulf: Naja, wir sind schon am Planen, aber es ist ziemlich schwierig, gerade weil so viele Festivals vor uns liegen und wir auch keine Organisatoren sind. Wir warten eher, bis wir uns mit anderen Bands zusammenschließen können und dann ein Konzert zusammen veranstalten können.

Tesk: Wie Ulf schon sagte, sind wir keine Promoter und haben da auch keine große Erfahrung Konzerte selbst zu veranstalten. Sowas ist natürlich auch sehr zeitaufwendig und wir stecken unsere gesamte Freizeit lieber in die Musik von Dehuman Reign!

 

Das bedeutet, wenn ich also mit zwei anderen Bands aus Berlin etwas auf die Beine stellen und eine geeignete Location finden würde, dann würde es dieses Jahr noch steigen, ansonsten werden wir vertröstet.

Rouven: Aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben. Wir kommen auf jeden Fall so schnell wie möglich. Kann sein, dass das am Jahresende ist oder ein bisschen früher.

 

Dann wissen wir Bescheid. Kommen wir mal zum Album. Das erste, was einen natürlich anspricht als Metalfan, ist das Cover. Das wirkt wesentlich ausgefeilter als bei der EP. Und wie man entnehmen konnte, habt Ihr Euch auch ein bisschen mit dem Künstler Tobias Giese auseinandergesetzt. Woher kennt man den noch? Ist der etwas bekannter, ist mir da etwas entgangen?

Tesk: Tobi habe ich bereits vor ein paar Jahren durch einen Freund kennengelernt, ohne zu wissen, dass er so gut zeichnen kann. Das Cover ist auch schon seit ca. 2014 in Arbeit. Er war eigentlich schon für das Cover der EP eingeplant, aber es hatte damals zeitlich alles nicht hingehauen.
Wer von Euch ist denn die Schnittstelle zum Grafiker und zeigt sich am ambitioniertesten bei der optischen Präsentation der Band?

Tesk: Ulf und ich sind diejenigen die eigentlich alles grafische, was Dehuman Reign betrifft, bearbeiten und auch fertigstellen. Natürlich in Rücksprache mit der gesamten Band.

 

War es beabsichtigt, dass es so „lovecraftesque“ ist? Die Beschwörungsszene und hätte die Figur in der Mitte einen Cthulhu-Schädel, dann wäre es nicht von ungefähr gewesen…

Ulf: Wir haben uns zusammengesetzt – ich weiß nicht, das muss schon zwei Jahre her sein – und ein Konzept direkt mit Tobi ausgearbeitet, er saß hier auch im Proberaum. Wir haben ein Brainstorming gemacht und sind gemeinsam zu einigen Ideen gekommen. Das wurde dann immer weiter ausgeführt und ausgearbeitet. 

Wenn ich mich recht erinnere, hatte er anfangs statt der Seelenwolken – die nenne ich jetzt mal so – Tentakel gezeichnet. Weil uns das aber zu trendy erschien, haben wir sie umwandeln lassen in diese Seelenwolken. Wir haben also selber unsere Wünsche geäußert und er hat sie sehr gut umgesetzt.

Tesk: Er hat uns immer wieder die geänderten Entwürfe gemailt oder ist, wie gesagt, auch ein paar Mal im Proberaum vorbeigekommen. Wir haben dann unsere und seine „Verbesserungsvorschläge“ und Änderungen mit ihm besprochen. Wie gesagt, es hat lange gedauert und sich dann auch gelohnt.

 

dehuman reignIch finde es sehr schlüssig zum Intro, wo man diese „Wuhh, Wuhh“ hört. Man kann sich wirklich diese Priester vorstellen, wie sie dastehen und beschwören. Das harmoniert ganz gut, wenn man das Cover betrachtet und „Play“ drückt.

Ulf: So soll’s sein!. Es war so, daß wir – als das Cover fertig gezeichnet war – auf die Idee kamen es zu vertonen. Wir haben uns hier in den Proberaum gestellt und ein kleines Demo davon produziert. Das war eine äußerst amüsante Session bei der uns Karl von meiner anderen Band Necromorph unterstützte. Man muss sich das so vorstellen: drei Leute stehen vor einem Mikrofon im Proberaum und es wird laut und voller Inbrunst „Huuu“ und „Haaa“ gebrüllt. Das wird immer wieder mit anderen Stimmlagen wiederholt, bis es sich wie eine Menschenmenge anhört. Die anderen Bandmitglieder waren davon begeistert und später haben wir das Ganze mit Tobi Engel professionell aufgenommen.

Tesk: Ja, das „Demo“ hat extrem Spaß gemacht und wir haben viel gelacht. Bei Tobi haben wir uns dann mehr konzentriert und haben alle unser „Hu…….Ha……“ zum besten gegeben.

 

Das Intro habt ihr also selbst komplett aufgenommen. Das seid Ihr alle?
Ulf: Ja, ja…!

Weil ich mich gefragt habe: „Scheiße, ich kenne den Film nicht aber irgendwie kommt es mir bekannt vor?“

Ulf: Von vorne bis hinten von uns erdacht und komponiert, die Rhythmik und die vorgetragenen Beschwörungen…

Tesk: Auch Tobi hat uns seine Stimme und Schlagkraft geliehen.

 

Was sind das für Sprüche?

Alex: Das ist ein henochischer Schlüssel aus der Satanischen Bibel. Wahrscheinlich phonetisch völlig inkorrekt vorgetragen…

 

Das heißt, das stammte von Aleister Crowley?

Alex: Nein, das stammte ja nicht wirklich von Crowley. Der hat es ja auch wiederum irgendwo geklaut…

 

Der hat es verkauft sozusagen…

Alex: Diese henochischen Schlüssel wurden angeblich vor ein paar hundert Jahren irgendeinem britischen Geistlichen von einem Engel ins Ohr geflüstert und es ist eine Sprache, die es nie so richtig gegeben hat…

 

Deshalb, ich habe mich gefragt, ist das sumerisch oder hethitisch, ist das Necronomikon-Sprache?

Alex: Wahrscheinlich sehr falsch vorgetragenes Henochisch.

 

Reden wir einmal über den Sound: Warum habt Ihr Euch gerade für das Engelsound Studio entschieden? Es ist ziemlich bekannt für viele Bands, die dort produziert haben, ich möchte jetzt kein Namedropping machen, aber was meint Ihr ist das Prägnante an diesem Studio, dass man als DM Band sagt: „Ich möchte in dieses Studio?“ Weil man dort so viel Erfahrung hat?

Ulf: Tobi ist ein guter Kumpel von uns und das Studio ist 10 m von unserem Proberaum entfernt. Der Umgang mit ihm ist fantastisch.

Totte: Erst einmal ist es von Vorteil, dass wir ihn gut kennen und dass es um die Ecke ist. Für mich ist es optimal mit Tobi zu arbeiten, weil er auch Schlagzeuger ist und sich mit der Materie auskennt. Er weiß auch, wie wir klingen wollen.

Tesk: Für den Sound ist aber im Endeffekt Jörg Uken verantwortlich, da er es gemixt und gemastert hat. Der „Grundsound“ ist, wenn man so will, von Tobi.

 

Ist das auch der Grund, warum Schlagzeug und Gesang im Studio und die Gitarren hier im Proberaum aufgenommen wurden?

Rouven: Es ist ja auch eine Zeit- und Kostenfrage.

Tesk: Und auch weil Tobi viel arbeiten muss und meist nur am Wochenende Zeit hatte, sprich: Auch ein terminlicher Grund.

 

Also war es tatsächlich auch eine finanzielle Entscheidung zu sagen, wir kriegen das hier hin, wir wollen aber einen richtig guten Schlagzeugsound und der Gesang soll auch stimmen?

Rouven: Es geht ums Zeitliche. Wir haben uns für dieses Mal eigentlich vorgenommen alles komprimierter aufzunehmen, mehr hintereinanderweg und dann richtig in ein Studio zu gehen. Aber es gab auch diesmal noch zu viele unterschiedliche Termine, so wie bei der letzten Scheibe. Dass man mal ein paar Aufnahmesessions hat, dann ist wieder Pause…dann kommen die nächsten.

Alex: Ich denke, es ist auch so, dass die technischen Möglichkeiten es heute einfach hergeben, dass Du Gitarren in Deinem Wohnzimmer aufnehmen kannst. Schlagzeug und Gesang sind dann doch schwieriger und dafür musst Du eine gute Ausrüstung haben, deswegen die Trennung.

Ulf: Der Hauptgrund für uns die Gitarren in Eigenregie aufzunehmen war der, dass wir uns viel besser darauf konzentrieren konnten und einfach mehr Zeit hatten. Wenn Du im Studio sitzt, musst Du in vier Stunden zwei Songs schaffen und man nimmt auch Fehler in Kauf. Oder nicht direkt Fehler, aber Du kannst Dich halt nicht auf jedes Riff konzentrieren…

Rouven: Es ist eine bessere Dynamik, wenn man sagt: Der Part ist gut, aber wir machen ihn jetzt noch besser, wenn es geht, und wenn nicht, dann haben wir schon eine gute Version…
Ein paar Sachen sind ja jetzt erst bei den Aufnahmen entstanden, die werden jetzt nicht jedem auffallen…

 

Was denn zum Beispiel mal blöd gefragt, kleine Schnörkel?

Rouven: Ja, so kleine Schnörkel. Die eine Gitarre kann hier mal den tieferen Ton spielen, dann kann die andere den höheren spielen, obwohl beide vorher den gleichen Ton gespielt haben.

Ulf: Das gesamte Arrangement konnten wir miteinander viel besser abstimmen. Die Soli habe ich z.B. komplett zu Hause aufgenommen. Ich habe viel Zeit gehabt und konnte sie viel besser ausfeilen, bis ich zufrieden war.

Totte: Du kannst mit der Klampfe viel einfacher über den PC arbeiten und das in Ruhe machen.

Ulf: Für das Schlagzeug brauchst Du gutes Equipment, gute Vorverstärker, gute Mikrofone und einen fähigen Typen, der das aufnimmt.

Totte: Ansonsten kannste gleich ein E-Drumkit hinstellen und das zu Hause machen, aber das klingt halt nicht so.

Ulf: Das wollen wir auch nicht.

 

Würdest Du Dich jemals an ein E-Drumkit heransetzen?

Totte: Zur Probe natürlich schon. Wenn man zu Hause spielt, auf jeden Fall.

 

Bei einem Auftritt?

Totte: Das sieht ja erstmal scheiße aus (allgemeines Gelächter). Man braucht die Akustik, es muss auch ein bisschen klingen. Du kannst es natürlich auch in Eigenregie aufnehmen, aber Du wirst immer Schwierigkeiten haben, diesen Sound zu kriegen. Tobi hat die Technik da, er weiß wie es geht, er ist selber Schlagzeuger. Da ist es optimal. Manche stellen sich ein 8-Spur-Gerät hin, aber das genügt unseren Ansprüchen natürlich nicht. Für eine Demoaufnahme würde es vielleicht reichen. Es ist schon besser, wenn man ins Studio geht.

“Teilweise pfeift er eine Melodie/Riff oder auch eine zweite Stimme und Ulf und ich stehen dann da und probieren so lange auf dem Griffbrett rum, bis wir die Töne treffen…”

Kommen wir einmal zu den Unterschieden zwischen der EP und dem Album. Ihr habt mit dem Album viel mehr Aufmerksamkeit erreicht als mit der EP. Ich glaube, das kann man schon so sagen, zumindest in der etablierten Presse habt ihr viel mehr Staub aufgewirbelt. Was meint Ihr, woran das liegt? Meint Ihr, es liegt an der Reife des Albums oder meint Ihr, dass eine EP nicht so ernst genommen wird wie eine Full Length, weil man einfach sagt: Okay, die haben jetzt ein paar Songs herausgebracht wir gucken mal, ob sie überhaupt weiter existieren…Was meint ihr, woran es liegt?

Rouven: Ja, beides eigentlich. Einmal daran, dass die EP in Anführungsstrichen nur eine EP ist und vor allem: Es war die erste Sache, die wir gemacht haben… Wenn Du schon einmal in der Presse warst, heißt es „die haben etwas herausgebracht“ und wenn Du in der Zwischenzeit schon ein paar mal aufgetreten bist, dann interessiert dass zwei-drei Leute mehr, was dann mit der nächsten Scheibe kommt, als wenn es das Erste ist, was herauskommt.

Alex: Ich denke auch, dass die Platte in Summe besser klingt. Nicht nur das, die erste war vielleicht auch ein bisschen hektisch. Sie entstand unter Zeitdruck und es war ein relativ unruhiges Aufnehmen damals. Daran wird es liegen, an der Qualität einfach.

Tesk: Der Sound ist natürlich auch extrem fetter und klarer definiert, zumindest was unsere Meinung angeht.
Den allgemeinen Ton, den ich von anderen Reviews aufgeschnappt habe, ist hauptsächlich positiver für das Album gegenüber der EP. Bis auf eine Stimme, ich weiß leider nicht mehr, welches Magazin es war. Dort hieß es „die EP ist urwüchsiger, hat mir besser gefallen“. Also eine Stimme gegen viele.

Rouven: Ist doch mal eine ehrliche Meinung. Kann man auch verstehen, die Death-Metal-Puristen. Manche haben auch geschrieben, dass es bei uns eher in diese modernere Richtung geht. Was ich jetzt nicht heraushöre, aber okay. Man staunt ja manchmal, was Leute in Musik hören oder nicht oder Leute finden komisch, was man selbst heraushört. Das ist ja auch das schöne bei Musik, sie ist nicht wie Mathematik. Eins und eins macht überall zwei.

Tesk: Ich finde es auch immer interessant zu lesen, wenn jemand unsere Platte nicht gut findet oder Kritik äußert, auch wenn dies dann für uns nicht nachvollziehbar ist. Wir müssen ja nicht damit übereinstimmen.
Da möchte ich mal einhaken; bei Sachen, die die Leute hören. Oft im Zusammenhang mit Dehuman Reign sind Namen gefallen wie Suffocation, tatsächlich Vader und dann ging es bis Deicide. Abgesehen davon, dass man sich natürlich immer freut, wenn man mit großen Veteranen verglichen wird. Könnt ihr mit sowas etwas anfangen? Sagt ihr selber „ja, an manchen Stellen klingt es wie Suffocation oder habe ich an dem Tag vielleicht Vader gehört“?

Ulf: Ich glaube grundsätzlich ist es so, dass unser Label FDA Rekotz das Promosheet zur Scheibe erstellt hat, wo eben diese Vergleiche aufgeführt wurden. Das wurde an die Presse verteilt. Somit wurde schon vom Label ein Weg geebnet, den die Pressevertreter dann nur noch aufgegriffen haben, bzw. die Vergleichsbands herangezogen wurden.

 

Du meinst es ist durchgesickert.

Ulf: Jo. Es ist natürlich offensichtlich, dass wir eine amerikanische Tendenz in der Spielweise und im Sound haben und nicht unbedingt wie eine Oldschool-Schwedenband klingen. Dadurch kommen die Vergleiche mit den großen Bands aus dem Sektor.

Totte: Persönlich finde ich es da noch treffend mit Vader verglichen zu werden, ansonsten haben wir mit Suffocation nichts gemein, mit Deicide überhaupt nichts…

 

Also Deicide wunderte mich auch sehr.

Totte: Also, Vader wäre die einzige Band, die könnte man unterschreiben. Immolation würde ich auch eher ausklammern…

Rouven. Ja, die meinen den Groove wahrscheinlich…Jeder hört halt was er hören will.

Ulf: Ist ja an sich auch nicht verkehrt, das sind ja geile Bands, Heroen!

Totte: Wir wollen ja auch im Prinzip so klingen wie wir, nicht wie andere Bands. Das ist ja immer so das irgendwelche Vergleiche herangezogen werden, aber kann ich in dem Falle nicht unterschreiben.

Tesk: Vergleiche sind immer schwer, aber es ist schon angehm mit unseren „Helden“ aus der Jugend verglichen zu werden. Viele schreiben aber auch, dass wir von diesen Bands beeinflusst wurden und unsere eigene Duftmarke draufgesetzt haben. Beeinflusst haben uns die genannten Bands bestimmt, das kann man wohl nicht abstreiten.
Lasst uns mal über die Songs sprechen. Lustigerweise wurde schon beim letzten Mal, als wir noch über die EP gesprochen haben, verraten, dass einer der neuen Songs tatsächlich mehr oder weniger von Alex gepfiffen wurde, zumindest die Melodie. Welcher Song war es denn jetzt vom aktuellen Album?

Alex: Genau genommen meinst Du wahrscheinlich ein Riff aus „Drown in Agony“ und zwar gab es da so eine Stelle in dem Song, wo wir nicht mehr weiterwussten und da habe ich diesen extrem langsamen, zähflüssigen Part vorgeschlagen. Soll ich ihn jetzt vorpfeifen oder was? (fängt an zu pfeifen).

 

Und wie ist Dir die Melodie eingefallen?

Alex: Keine Ahnung, das war eine spontane Eingebung. Ich meinte, dass der Song so weitergehen muss. Dann war das eben so.

 

Eine andere große „Pfeife“ in eurer Band kommt lustigerweise aus der Rhythmus-Sektion und überhaupt nicht von der Gitarrenfraktion, was mich auch schon wieder wundert. Totte, Du hast öfter Melodien auf den Lippen und integrierst diese.

Totte: Ich finde das nicht schlecht, denn ich kann mich nicht anders wiedergeben. Ich denke mal schon, dass ich eine ziemlich große Pfeife bin (Gelächter), was manchmal auch gar nicht verkehrt ist. Das macht sich ab und zu bezahlt gerade mit den Klampfern…

 

Die Gitarristen können es einfach vorspielen und sagen hier ist ein Riff da ist ein Riff.

Totte. Genau da ist es anders rum. Du pfeifst etwas vor und dann…

Tesk: Teilweise pfeift er eine Melodie/Riff oder auch eine zweite Stimme und Ulf und ich stehen dann da und probieren so lange auf dem Griffbrett rum, bis wir die Töne treffen, die Totte haben will.

 

Das heißt, Du hast nie bereut, dass Du kein Saiteninstrument gelernt hast, da Du dich so bemerkbar machen kannst.

Totte: Doch, ich habe es schon irgendwann bereut, weil Du mit dem Schlagzeug ziemlich viel zu schleppen hast. Da bin ich dann teilweise ein bisschen neidisch, dass die anderen dann nie aufräumen müssen.

 

Zusammengefasst: Es hat eher praktische als künstlerische Gründe.

Totte: Im Prinzip schon. Ich bin jetzt auch nicht der Hammerschlagzeuger. Manchmal ärgert es mich, dass ich so viel aufbauen muss. Du musst ja immer überlegen, was nimmst Du jetzt mit zu Konzerten usw. Da sind die Klampfer natürlich wesentlich besser dran.
Warum habt ihr eigentlich „Apply Salt to the open Wound“ ausgewählt als Auskopplung?
Habt ihr es als Kollektiv entschieden? Fandet ihr, das ist der repräsentativste Song des Albums?

Rouven: Es ging eher darum, welcher Song als neuer Dehuman-Reign-Song am repräsentativsten ist. Es ist schwer zu sagen, dieser Song steht für das Album und jener nicht. Es ist nicht wie im Pop, wo man sagt „das ist die repräsentative Single“. Aber es gibt Songs, da sind viele Elemente, die es ausmachen drinnen und sie sind relativ catchy.

 

Nochmal eine Frage an Alex, weil er auch nicht beim letzten Mal dabei war. Du bist ja der unbestrittene Textschreiber ohne irgendwelche Einflüsse von außerhalb.

Alex: Ich glaube, die anderen sind auch ganz froh darüber, dass ich ihnen das abnehme und ich bin nicht immer ganz froh darüber, dass ich das alles alleine machen muss, aber es hat sich halt so etabliert. Es ist insofern angenehm, als dass es mir eine Menge Freiheit lässt. Weil ich an der Stelle wirklich machen kann, was ich will, und mich keiner irgendwie limitiert. Gefällt mir also insgesamt doch ganz gut, wenn ich’s mir recht überlege!

 

Läuft das dann so, Du bekommst ein Songgerüst, hörst dir das Songgerüst an und dann lässt Du dich davon inspirieren und schreibst dann den Text oder läuft das auch einmal umgekehrt Du schreibst einen Text und dann fällt den anderen zu dem Thema etwas ein. Geht das in beide Richtungen oder funktioniert das eher nur in eine Richtung?

Alex: Tendenziell schon eher in die erste Richtung, wobei ich natürlich auch bei dem Prozess des Songschreibens dabei bin und da auch hier und da so Bausteine im Kopf habe.

 

Das heißt, wenn Du irgendwelche Riffs oder Drumparts hörst, dann hast Du schon ein Thema im Kopf?

Alex: Manchmal überkommt es einen, dann schreibe ich einen Zwei- oder Vierzeiler auf und mit dem stricke ich dann etwas.

 

Jetzt einmal eine ganz schwere Frage: Worüber handeln die meisten Texte? So wie ich es herausfiltern würde, handeln sie vom Menschsein an sich bis hin zu dämonischen Seiten…

Alex: Im Wesentlichen handelt es eigentlich von dem, was mir gerade im Kopf umherspukt, allerdings meistens relativ stark verklausuliert. Es lässt eine Menge Interpretationsspielraum übrig und das ist auch absichtlich so gemacht. Ich möchte es in der Regel nicht so gestalten, dass sofort sonnenklar ist: Hier geht es darum, dass einer ausgeweidet wird oder so…

 

Also, solche plastischen Splattertexte wären überhaupt nicht deine Baustelle.

Alex: Nein, das gab es schon seit Jahrzehnten und ich finde es ist auch ausgereizt. Du kannst heute mit einem Eingeweidesong weder schocken noch hinter dem Ofen hervorlocken.

 

Würdest Du eher sagen enigmatische Songs, wie Morbid Angel sie gemacht haben teilweise…

Alex: Wohl möglich, ja.

 

Jetzt möchte ich fast abschließend, dass jeder einmal seinen Lieblingssong von der Scheibe nennt.

Totte: “Mental Hibernation”

Ulf: “Drown in Agony”

Alex: Kann Dir wirklich nicht sagen welchen ich am besten finde. Die sind auch so unterschiedlich…

 

Und wenn Du nur deine Texte berücksichtigst?

Alex: Dann ist es wahrscheinlich „Apply Salt to the Open Wound“

 

Rouven und welcher Song ist es bei Dir?

Rouven: Schwer zu sagen, mehrere. Das wechselt so. Momentan ist es wahrscheinlich „Recipients…“.

Tesk: Hmm, sehe das wie Rouven! Um nicht auch „Recipients…“ zu nennen, sag ich mal: „Articulating the unspeakable“
Und wo wir gerade bei Präferenzen sind… Ihr habt ja Kollegen, die „Defeated Sanity“ heißen. Die haben gerade eine Split mit sich selbst herausgebracht und da würde mich interessieren: Steht ihr eher auf Disposal oder Dharmata?

Totte: Ich muss ganz ehrlich sagen, ich habe es noch nicht gehört. Ich habe einen Song von der „brutal“ angehört und einen von der „progigen“. Ich möchte mir aber kein Urteil darüber erlauben.

 

Ja, aber Du musst doch sagen können was Dir besser gefallen hat.

Totte: Nicht wirklich. Es ist nicht wirklich meine Baustelle…

Alex: Für mich ist es definitiv die progige Seite, weil sie total überraschend war. Und die klingt einfach spektakulär und spannend. Die andere klingt eben wie das, was man vorher schon kannte.

Rouven: Ich würde mich eigentlich im Prinzip anschließen. Ich finde das Oldschool-Zeug auch extrem geil, weil ich so etwas auch gerne höre, aber das Progige, das interessiert mich selber vom Spielen her auch. Die haben auch immer einen sehr coolen Bass. Das hört man schon gern.

Ulf: Ich habe es noch nicht komplett gehört aber ich finde beide Songs die ich gehört habe sehr geil.

Tesk: Auf jeden Fall die Dharmata. Was Lille da mit Chrischi und Jakob abzieht, ist schon oberste Liga! Und der Gesang passt wie Arsch auf Eimer.
So jetzt habt ihr nochmal Gelegenheit für Eure anderen Projekte Werbung zu machen

Ulf: Meine andere Band Necromorph hat ebenfalls eine neue Scheibe draußen. Sie ist im Mai 2016 auf Defying Danger Records erschienen, heißt „Under the Flag“ und ist eine gelungene Mixtur aus Grind/Crust & Death Metal. Ziehts euch rein!

 

Und live?

Ulf: Auf dem Berlin Deathfest am 07.+08. Oktober 2016 zu bewundern.

Tesk: Yspotopsy sind auch schon seit Jahren dabei ein Demo zu machen, hehe.

Ich bedanke mich für das Interview, schön, dass es so unkompliziert geklappt hat. Wir machen das hoffentlich bei der nächsten Scheibe wieder.

Tesk: Unkompliziert? Das hat doch ewig gedauert bis wir ein Termin hinbekommen haben, und dann an dem Tag, wo ich nicht kann, naja…. Hab ja trotzdem meinen Senf dazugegeben.

 

Mehr über DEHUMAN REIGN:
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https://dehumanreign.bandcamp.com/
Fotos: Claudia Knopf, Cacophonia Photography