Ancient Rites Interview

Die Belgier Ancient Rites haben sich in nunmehr zwölf Jahren einen guten Ruf im internationalen Underground erspielen können. Mit ihrem neuesten Geniestreich ‘Dim Carcosa’ wissen die Mannen um Gunther Theys erneut zu beeindrucken und liefern ein eigenständiges, originelles, tiefschürfendes und ganzheitlich in Ton, Wort und Bild wirkendes Album ab. Gestärkt mit neuem Label (Hammerheart) im Rücken greifen sie nun nach dem Thron der Black Metal Szene. Grund genug einmal einen ausführlichen Telefonplausch mit dem überaus auskunftsfreudigen und freundlichen Sänger, Bassisten und Kopf der Band, Gunther, zu halten.

Wenn Du ‘Dim Carcosa’ mit dem Vorgängeralbum ‘Fatherland’ vergleichst, was sind die Hauptunterschiede?
Ich denke, daß alle Elemente gestärkt worden sind. Wir hatten ein größeres Budget zur Verfügung, daß es uns erlaubte uns mehr mit Details zu befassen. Auch beim Songwriting wurde mehr auf Details geachtet. Dazu kommt natürlich die logische musikalische Weiterentwicklung. Die Zusammenarbeit mit klassischen Musikern als Produzenten war eine sehr große Herausforderung. Ich denke, daß alle Elemente, von den melodischen bis zu den extremen, wesentlich intensiver sind auf dem neuen Album.

Wie würdest Du Eure Musik beschreiben? Denkst Du, daß man sie einfach in ein Genre einordnen kann, oder brechen Ancient Rites Grenzen auf?
Ich denke, daß wir auf gewisse Weise Grenzen aufbrechen, aber nie die Essenz unseres Hintergrundes verlieren, dessen wofür wir immer gestanden haben. Ich denke, daß der von uns eingeschlagene Weg der richtige ist. Natürlich gibt es immer Leute, die nur unsere ersten Alben hören, die mehr ‘straight forward’ sind. Ich denke, daß die Essenz aller unserer Alben dieselbe ist. Es ist nur eine logische musikalische Evolution, es ist eine Sache der Übung, der Praxis. Je länger man Musik macht, desto besser wird man. Die einzelnen Elemente waren immer vorhanden, wie der mittelalterliche Aspekt, sie sind nur besser in die Musik selbst eingebettet. Wir haben immer versucht Klischees zu vermeiden. In der Vergangenheit haben wir Intros und Outros verwandt, jetzt sind die folkloristischen Elemente mehr in der Musik selbst enthalten, und die traditionellen Wurzeln des Metal treten klarer hervor. Es ist eine Mixtur unterschiedlicher Arten von Metal. Das hängt damit zusammen, daß wir schon solange Musik machen und im Laufe der Jahre unterschiedliche Perioden im Metal miterlebt haben. Wir haben in den 70er Jahren begonnen Hard Rock zu hören, wir waren dabei, als es mit dem Black Metal begann, wir haben die Death Metal Explosion erlebt… Ich denke all diese Elemente haben eine Einfluß auf unseren Sound.

Würdest Du also sagen, daß Ancient Rites ihren ureigenen Stil haben, und in gewisser Weise über den Dingen stehen?
Es ist schwer, neue Standards zu setzen. Wir versuchen einfach nur Klischees zu vermeiden. Es ist sehr schwer für die Leute eine Band wie unsere mit einem Etikett zu versehen. Ich kann mir vorstellen, daß einige Passagen zu extrem für Leute sind, die sich mehr mit traditionellem Metal befassen. Andersherum gibt es auch Leute, die nur extremen Metal hören und mit gewissen Passagen etwas anfangen können, und mit unserer symphonischen Seite nicht einverstanden sind. Es ist die Frage, wie offen man ist.

Was denkst Du darüber Metal in verschiedene Stile zu unterteilen, ist es notwendig?
Ich denke, daß es nicht nötig ist. Es kann allerdings helfen. Es hängt von der persönlichen Betrachtungsweise eines Stiles ab. Für manche Leute bedeutet ‘Black Metal’ beispielsweise den typisch skandinavischen, oder norwegischen, Sound, oder eher Gothic Black Metal, der momentan populärer ist und mehr Leute erreicht. Aber ich denke, es gibt noch wesentlich mehr mögliche Varianten des Black Metal. Es hängt von der eigenen, persönlichen Definition ab. Für mich kann zum Beispiel jede Art von Metal in Kombination mit dunklen oder okkulten Texten ebenso Black Metal sein. In den 80ern mochte ich beispielsweise Mercyful Fate, also Heavy Metal mit okkulten, satanischen Texten. Aber es gab zum Beispiel auch Destruction, die mehr thrashig waren, mit dunklen Texten, speziell auf den ersten Veröffentlichungen. Dann kamen Bathory und Venom. Alle waren sehr verschieden voneinander, aber ich mochte jede von ihnen gleich gerne. Heutzutage beobachte ich, daß Leute bei Black Metal nur an Bands wie Immortal oder an Bands wie Cradle of Filth denken. Ich denke, daß wir wie keine der genannten klingen.

Was für Musik hörst Du zuhause und inwiefern beeinflußt es das Songwriting?
Ich denke nicht, daß die Musik, die ich höre einen Einfluß hat. Heutzutage höre ich beispielsweise die Michael Schenker Group oder UFO, die sich komplett von dem unterscheiden, was ich mache. Ich habe einen sehr breitgefächerten Geschmack, ich höre nicht sonderlich viel modernen Black Metal. Was Metal betrifft, so bin ich mehr der Vergangenheit verhaftet. Es gibt noch neue Bands, die mich beeindrucken können, aber es hat nicht mehr den gleichen durchschlagenden Effekt auf mich, wie die alten Metalalben. Wenn man jung ist, ist man offener für neue Eindrücke. Deswegen denke ich, daß unsere musikalischen Einflüsse älter sind.

Wenn Du die Chance hättest, etwas besser zu machen auf ‘Dim Carcosa’, was wäre das?
Für den jetzigen Zeitpunkt ist es zu früh, darüber etwas zu sagen. Ich bin momentan sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Man ist erst nach einigen Jahren, wenn man sich als Musiker weiterentwickelt hat, in der Lage die Pros und Kontras zu sehen. Ich denke ich bin noch zu sehr damit beschäftigt, um eine neutrale Sicht darauf zu haben. Ich bin zur Zeit sehr glücklich. Ich finde unsere alten Veröffentlichungen auch immer noch gut. Natürlich gibt es immer Dinge von denen man später sagt, daß man sie hätte besser machen können, aber das führt zu nichts. Ich denke, daß jedes Album ein Zeugnis einer bestimmten Phase der Karriere einer Band ist. Ich würde also nichts verändern wollen. Es ist immer so, wie es zu dem jeweiligen Zeitpunkt das Beste ist.

Was kannst Du uns über die Aufnahmen in den Spacelab Studios erzählen?
Es war sehr anstrengend und eine große Herausforderung für uns. Die Produzenten dort waren sehr fordernd. Sie spielen in einer Progressive Rock Band, sie haben also einen komplett anderen Ansatz. Jede Note, die wir ge-spielt haben, wurde kontrolliert. Was ich sehr herausfordernd fand war, daß sie sich sehr reingekniet ha-ben in die Produktion und oft Alternativen vorgeschlagen haben, daß wir nicht die einfache Variante gewählt haben, wenn es besser ging. Das hat die Band auf ein höheres musikalisches Niveau gebracht.

Es hatte also einen positiven Effekt.
Es ist nicht positiv, solange man dort ist. Es ist sehr stressig. Es ist sehr schwer, wenn man einen Song spielt, und eine gewisse Weise entwickelt hat, in der man ihn spielt und sie eine bessere Lösung anbieten, ihn in auf andere Art zu spielen. Es ist sehr schwer diese Gewohnheiten wieder loszuwerden. Ich denke Egos sollten sich nicht zu stark in die Musik einmischen. Wenn es eine bessere Lösung gibt, dann sollten Musiker offen dafür sein und sie akzeptieren. Stolz ist unwichtig. Es ist das Endresultat des Albums, das zählt.

Denkst Du das Resultat wäre schlechter gewesen, wenn Ihr ein anderes Studio gewählt hättet?
Ich denke das Resultat wäre trotzdem gut gewesen. Aber diese Leute haben bisher keine Erfahrungen mit extremem Metal gemacht, was sehr zur Frische des Albums beiträgt. Sie haben keinerlei Bezug zu unserem Stil. Wenn man in ein Studio, in dem Bands unseres Stiles aufnehmen geht, wird man feststellen, daß der Produzent bereits gewisse Gewohnheiten entwickelt hat, was die Art der Produktion angeht. Die Bands klingen dann mehr oder weniger gleich. Es ist in Ordnung, daß jeder Produzent seinen eigenen, typischen Sound hat. Ich will nicht sagen, daß es schlecht wäre. Aber als Band finde ich es interessanter mit Leuten zusammenzuarbeiten, die noch völlig unbedarft sind, die einen offenen Geist haben und die nicht die gleichen Dinge verwenden, die sie bereits bei anderen Bands gleichen Stiles verwandt haben. Es erhöht die Originalität der Produktion. Deshalb habe ich dieses Studio ausgewählt. Die Leute dort haben zwar nicht immer die Extremität der Musik verstanden, aber sie verstanden, was wir versuchten zu erreichen. Die Nähe zur Klassik ist ein wichtiger Faktor unserer Musik geworden, und das haben sie sehr gut im Griff gehabt. Es macht natürlich viel mehr Spaß, wie wir es bisher getan haben, in ein Studio zu gehen, seine Musik einzuspielen, komplett zu bestimmen, einfach nur alles aufzunehmen und am Ende hat man sein Album in der Hand. Aber so verpaßt man wahrscheinlich auch einige Chancen, an die man nicht gedacht hat. Es ist manchmal gut, grundsätzlich anderen Vorstellungen gegenüber zu stehen, auf die man wegen des komplett anderen musikalischen Hintergrundes nie gedacht hätte. Es würde natürlich nicht mit einem Rap – Produzenten funktionieren, aber der klassische Aspekt paßt perfekt zu dem lyrischen Konzept der Band.

Schreibt Ihr Eure Songs mehr mit dem Kopf oder dem Herzen? Ist es eher ein rationaler oder eher ein emotionaler Prozeß?
Emotional. Die Gestalt ändert sich laufend. Auch im Studio ändern wir noch viele Dinge, und das passiert sehr spontan. ‘Total Misanthropy’ auf unserem zweiten Album zum Beispiel war wesentlich schneller, als wir ihn geprobt haben. Dann verlagerten wir das Gewicht auf eine andere Gitarre, was den Charakter des Songs sehr veränderte. Manchmal kann die Veränderung einer einzigen Instrumentierung den kompletten Charakter eines Stückes verändern. Wir arbeiten niemals einen Plan aus. Wir haben eine Grundidee, wir proben die Stücke und kommunizieren. Es gibt immer sehr viele Dinge, die wir in letzter Minute noch verändern. Wir sind immer selbst überrascht, wenn wir das Ergebnis hören, weil wir alle mit unseren eigenen Instrumenten beschäftigt sind, und unserem eigenen Beitrag. Klar haben wir eine Vorstellung davon, was die anderen tun, aber wir mischen uns nicht allzusehr ein in die Dinge die die anderen tun, wie beispielsweise Soli, unterschiedliche Drumpatterns oder einzelne Keyboardmelodien. Auch ich selbst entdecke immer wieder neue Details, wenn ich mir ‘Dim Carcosa’ anhöre.

Kannst Du den Titel Eures neuen Albums erläutern?
Ich fand, daß der Titel ‘Dim Carcosa’ perfekt zu unserem Konzept, zum Ancient Rites – Universum, paßt. Es ist eine fremdartige Kombination. Zum einen ist da das Wort ‘Carcosa’, das in den Arbeiten von Chambers auftaucht, dem Autoren, der später Leute wie Lovecraft inspirierte. Es besteht eine Verbindung zum Necronomicon und auch zur Freimaurei. Ich stieß auf die Loge und Rosenkreuzerorden und dergleichen, die okkulte Welt Aleister Crowleys. Auf den mystischen Ort, den diese Autoren schufen. Aber es gibt auch eine Festung deren antiker, lateinischer Name Carcaso lautet. Einge sagen, diese Stadt sei eine Inspiration zu der Geschichte gewesen. Was ich inspirierend fand war die Tatsache, daß diese esoterischen Orden in Carcosa aktiv gewesen sind, in dieser mittelalterlichen Festung im Süden Frankreichs. Die Templer waren dort aktiv, es war auch die Zeit des Katharischen Kultes. Es ist interessant, wenn Ok-kultismus und Geschichte aufeinandertreffen. Es gibt diese mittelalterliche Festung und auch diesen transzendenten, unerreichbaren Ort, den man Carcosa nennt. Ich fand, das paßte wunderbar in unser Konzept, daß beide Welten sich treffen.

Möchtest Du etwas über die Songs auf ‘Dim Carcosa’ erzählen, oder etwas zu dem Konzept sagen, daß die einzelnen Texte miteinander verbindet?
Ich denke jeder Song steht für sich alleine, aber ich habe wie ich es immer tue, Linernotes geschrieben, die in gewisser Weise die Songs miteinander verbinden. Die Geschichte, die ich im Booklet geschrieben habe, war noch nicht vorgegeben, es war also recht einfach, sie zu schreiben. Ich habe Erfahrungen, die ich hatte, niedergeschrieben. Die Orte und die Gedanken, die in meinem Kopf waren, sind keine Fiktion. Ich versuche dem Hörer einen Einblick in meine Gedanken zu gestatten, so daß er, wenn er will, besser verstehen kann was in meinem Kopf vorgeht wenn ich die Texte schreibe. Oder was der Hintergrund eines einzelnen Stückes ist. Für manche Leute zerstört es vielleicht die Magie, wenn sie zu genau wissen, was meine Inspiration war, als der Song entstand. Andere finden aber vielleicht, daß es den Wert eines Stückes noch steigert, wenn sie sehen, daß es nicht irgendeine Geschichte ist, sondern daß es auf Orten basiert, die sie auch besuchen können, oder Büchern die sie lesen können oder Gedichten, die sie sich anhören können. Ich glaube, daß es zu dem Charakter des Songs beiträgt.

Ein öfters wiederkehrendes Motiv in Deinen Texten ist das Vaterland. Was bedeutet Dir Dein Vaterland, was ist Deine Beziehung zu ihm?
Ich denke es ist so wie bei jedem anderen. Es ist der Ort an dem man aufwächst. Man nimmt es als selbstverständlich, man ist an die Leute um einen herum gewöhnt, die Familie, das Essen, daß man zu sich nimmt, die Luft die man atmet, den Himmel, die Farbe des Himmels usw. Ich bin ein Mensch, der sehr gerne reist. ich gebe fast mein gesamtes Geld für Zugfahrkarten aus. Ich liebe es mein Vaterland zu verlassen, aber ich liebe es genauso dorthin zurückzukehren. Ich fühle mich überall zuhause. Viele Leute wollen einfach nur fort aus ihrer Heimat. Aber wenn man längere Zeit fern der Heimat ist, weiß man ihren Wert wesentlich mehr zu schätzen. Die eigene Umgebung, der eigene Hintergrund prägt die eigene Persönlichkeit. Als ich den Song ‘Fatherland’ geschrieben habe, haben wir ihn auch auf dem Dynamo Open Air gespielt. Es ist bekanntermaßen ein internationales Festival. man trifft dort Leute aus vielen Ländern. Ich fand es sehr beeindruckend. Ich habe vor dem Song gesagt ‘Dieser Song ist für jeden von Euch’. Ich sah Leute aus Portugal neben Leuten aus Südamerika und aus Deutschland und Israel und alle sangen den Text mit. Vielleicht bewerte ich das auch über und sie mochten einfach nur den Klang, aber ich fand die Tatsache gut, daß es in gewisser Weise ein universeller Song ist, zu dem jeder eine Verbindung hat, daß ein Mensch auf Island sagen kann, ‘ich habe das gleiche Gefühl’. ‘Fatherland’ ist ein universelles Konzept. Als ich ‘Fatherland’ geschrieben habe, dachte ich an meine eigene Umgebung und die Kindheit, aber ich hatte auch denjenigen im Blick, der auf der anderen Seite der Welt lebt, daß er sich damit genauso identifizieren kann.

Es hat also nichts mit Nationalismus oder dergleichen zu tun?
Es ist eine emotionale Sache. Ich hatte natürlich einige Probleme mit Leuten, die es nicht korrekt fanden, daß ich mich auf mein eigenes Erbe beziehe. Aber ich sage immer wieder, daß ich es ablehne mich selbst zu hassen. Ich finde es wichtig, sich für die eigene Geschichte, die eigenen positiven Aspekte, das eigene Erbe zu interessieren. Das hat ja nicht automatisch zur Folge, daß man gegen alles andere ist. Warum sollte beispielsweise ein Deutscher, der in einem kleinen Dorf im Tal lebt, nicht sagen dürfen ‘das ist mein Dorf und ich interessiere mich für die antike Geschichte, die mittelalterliche Geschichte, ich liebe den Wein der hier wächst, es ist eine wunderschöne Land-schaft hier usw.’. Es ist nichts falsches daran, den eigenen Wohnort zu schätzen und allen anderen vorzuziehen.

Was ist Deine persönliche Beziehung zur Geschichte. Wie stark wirkt sie auf Dich und Dein Alltagsleben ein?
Oftmals zu stark. Es ist eine interessante Frage, die Du mir da stellst. In manchen Dingen habe ich gewisse Werte, die nicht in die moderne Welt passen. Die vielleicht auch als dumm angesehen werden können. Z.B. hat mich mal eine Freundin besucht und ich wollte ihr Gepäck tragen, sie meinte, sie könne es auch alleine tragen. Ich wollte ja nichts negatives tun, aber es mutete vielleicht etwas mittelalterlich an. Das gilt auch für die Beziehung zu anderen Menschen, ich versuche immer eine gewisse Höflichkeit zu wahren. Wenn ich z.B. mit einer älteren Person rede, benutze ich immer die höfliche Form, ich rede dann anders, als wenn ich mit nahen Freunden reden würde. Ich benutze die offizielle Sprache, keinen Dialekt, wenn ich jemanden anspreche, den ich nicht kenne, so wie es früher üblich war. Es hat vielleicht auch mit der Kompensation meines Auftretens zu tun. meistens werden wir ja als langhaarige Idioten wahrgenommen, die sich nur fürs Raufen und Saufen interessieren, denen nur ein geringer IQ zugestanden wird. Es ist mittlerweile ein Automatismus bei mir, ein Instinkt, den ich seit frühesten Teenager-tagen in mir trage, um mein Aussehen zu kompensieren, um zu zeigen ‘ich höre diese Musik, aber ich bin kein Idiot’. Ich habe eine gewisse Verbindung zur Vergangenheit. Ich sehe allerdings auch die negativen Aspekte der alten Zeiten, im Mittelalter gab es nunmal sehr viel Mißtrauen, eine notwendige Grausamkeit, Seuchen usw., aber im Prinzip haben wir das heute auch noch. Es äußert sich nur in anderen Formen. Es ist sehr wichtig stets mit beiden Füßen auf dem Boden zu bleiben und nicht die Verbindung zur Gegenwart zu verlieren. Ich habe oft die Tendenz, mich selbst zu verlieren, wenn ich auf Reisen zu historischen Stätten bin. Ich empfinde oft richtiges Glück wenn ich mich in Ruinen aufhalte, oder wenn ich mittelalterliche Burgen besuche, oder auf dem Olympusberg in Griechenland, als ich in den Überresten von Karthago herumgelaufen bin…dort habe ich wirkliches Glück empfunden. Das ist recht fremdartig, ich sollte mich eigentlich mehr auf mein alltägliches Glück konzentieren, anstelle dieses extreme Verlangen nach Reisen zu haben.

Sind diese historischen Einflüsse ausschließlich realer Natur, oder interessierst Du Dich auch für Fantasyromane, Rollenspiele und dergleichen?
Ich finde Fantasybücher und dergleichen sehr interessant, aber ich bevorzuge die Realität, reale Geschichte. Wenn ich phantastische Literatur lese, wie beispielsweise Lovecraft, wenn ich die Geschichten auf mich wirken lasse und die Reise in die Phantasie antrete, ist das schon phantastisch. Aber es ist mir stets bewußt, daß es sich nur um Phantastik handelt. Mit der realen Geschichte verhält es sich anders. Wenn ich von einem Ort fasziniert bin, dann weiß ich, daß ich dorthin reisen kann und mit meinen eigenen Augen sehen kann, was ich gelesen habe. In meiner Kindheit habe ich zum Beispiel ein Buch gelesen, daß in den Vogesen in Frankreich spielte, dort gibt es eine Burg, Königsberg glaube ich. Ich war zwar schon in der Gegend, aber nie in dieser Burg. Ein Freund von mir erzählte mir gestern, daß er dort war. Mein Interesse ist sofort wieder erwacht, und sobald ich etwas Zeit habe, nichts zu tun ist, werde ich wahrscheinlich dorthin reisen. Es ist großartig, daß ich zu einem Ort reisen kann, über den ich in meiner Kindheit gelesen habe. Die Tatsache, daß ein Ort wirklich existiert steigert den Wert der Geschichte. Ich bin ein wirklicher Geschichtsfanatiker.

Hast Du Geschichte an der Universität studiert?
Leider hatte ich nie die Chance dazu. Ich wollte ursprünglich diese Richtung einschlagen. Ich hatte auch gute Noten in den wichtigen Bereichen, außer in Mathematik, Algebra etc. Ich war so schlecht darin, daß mir der Weg zum Studium verbaut war. Also ging ich stattdessen zur Kunstschule. Ich hätte sehr gerne Geschichte studiert. Ich habe heute eine Frau im Zug getroffen. Ich warf einen Blick auf das Buch, das sie gelesen hat,. Ich las Lord Byron. Sie las ein Buch über das alte Ägypten. Wir begannen uns über die beiden Bücher zu unterhalten, und es stellte sich heraus, daß sie beruflich Hieroglypheninschriften übersetzt. Es war eine langer Weg von der Küste zu meinem Wohnort, aber die Stunden vergingen wie im Fluge, da ich jemanden gefunden hatte, der meine Interessen teilt. Vielleicht hätte ich etwas härter an den Dingen arbeiten sollen, die ich haßte, also Mathematik, um mein Ziel zu erreichen. Wenn man es so betrachtet haben die Schüler in den USA es einfacher, als wir Europäer. Sie dürfen sich auf die Bereiche konzentrieren, in denen sie gut sind. Wir haben ein allgemeineres Wissen, was aber auch nicht schlecht ist. Es ist gut für die kulturelle und persönliche Entwicklung, aber manchmal verpaßt man dadurch Chancen, weil zuviel allgemeines Wissen von einem erwartet wird.

Was ist mit dem okkulten Aspekt in Deinen Texten? Was bedeutet Dir Okkultismus oder Religion? Bist Du ein religiöser Mensch?
Überhaupt nicht. Ich kenne viele Leute, die sich mit Okkultismus beschäftigen und ich habe viele Bücher darüber gelesen. Aber ich habe es immer vermieden mich einem bestimmten Orden oder Kult anzuschließen. Es besteht immer die Gefahr, daß dasselbe passiert wie in organisierten Religionen, ich würde in die gleiche Falle tappen. Es wäre ein wenig heuchlerisch, wenn ich die christliche Religion ablehne und dann einer Religion beitrete, die dagegen ist, die aber im Prinzip dieselben Dinge tut. Ich beschäftige mich damit und lerne lieber auf individueller Basis, und behalte immer einen kritischen Blick auf das Thema. Alle Lehren enthalten Dinge, an die ich nicht glaube. Ich finde einige philosophische Aspekte oder Lebensziele in dunkleren Religionen, im Okkultismus, interessant. Wenn es aber dogmatisch wird, distanziere ich mich davon. Ich kann jeden anderen Glauben akzeptieren.Ich habe es nicht nötig meinen Glauben jemand anderes aufzuzwingen. Aber ich erwarte das gleiche auch von den anderen. Dazu kann ich eine kleine Anekdote erzählen. Ich war einmal in einem griechischen Dorf. Ich kann ein wenig griechisch und habe dort mit einer alten Frau geredet. Sie hielt ein Kreuz an meinen Kopf und sagte, sie wünsche ihr Gott möge mich beschützen. Ich glaube nicht an soetwas, aber ich fand diese symbolische Geste der Frau sehr freundlich. Wer bin ich, daß ich sagen könnte ‘Setz Dich wieder hin, ich glaube nicht an Deinen Gott’? Das ist nicht meine Art. Ich habe die Beweggründe verstanden. Sie wollte damit eigentlich nur sagen ‘Ich mag Dich als Person und ich hoffe, Du hast ein gutes Leben’ als wir uns voneinander verabschiedeten. Ich fand das wesentlich wichtiger, als das Symbol des Kreuzes, das sie verwandte. Es ist eine Sache der Übersetzung solcher Dinge. Sie tat das innerhalb ihrer Möglichkeiten. Warum sollte man Zeit und Energie auf Diskussionen über Religion verschwenden? Es ist besser den anderen zu respektieren. Es war ihre Art, mir positive Gefühle zu zeigen, das wollte ich nicht ruinieren. Ich habe keine Angst, oder bin gar beeindruckt von Religion. Hier in Nordeuropa hat das auch nicht den Effekt, als Religion zum Beispiel in Afghanistan hat, wo die Zustände wirklich schlimm sind, wo sie die alten Buddha – Statuen zerstört haben. Ich habe auch gehört, daß sie mittlerweile Leute, die keine Moslems sind, zwingen, ein Zeichen an ihrer Kleidung zu tragen. Das ist nicht der richtige Weg. Es ist eine Schande, denn ich bin ein Reisender und ich denke die Länder in dieser Gegend haben eine reichhaltige Geschichte und eine uralte Kultur, die der Welt viel anzubieten hat. Es ist schade, daß die Leute dermaßen blind gemacht werden von der Religion, daß sie zurück zu den dunklen Zeiten gehen. Ich würde gerne nach Afghanistan reisen und mir das Land anschauen, aber ich könnte dort wohl nicht allzulange bleiben…. Es gibt dort sicher auch Leute, die offeneren Geistes sind, diese könnten auch mehr von der Welt sehen. Das sind verpaßte Gelegenheiten. Religion sollte eine persönliche Sache sein.

Was gibt es über das großartige Artwork des neuen Albums zu erzählen? Woher stammt es?
Wie Du ja bereits weißt, habe ich eine Kunstschule besucht. Wir haben alte Bilder betrachtet, gemalt, unsere eigenen Impressionen gemalt, auch Elemente alter Karten entnommen und Dinge verändert, all das. Auf dem Frontcover ist ein Bild der Festung, von der wir vorhin gesprochen haben, es ist Carcosa in Frankreich. Sie wird auf gewisse Weise so dargestellt, daß es ebenso das mythische Carcosa sein könnte. Wir wollten das Artwork des Booklet so gestalten, daß man nicht nur die Musik hat, sondern daß man auch lesen kann. Die Illustrationen bilden eine Einheit, tragen zu den Texten bei, genauso die Linernotes. Wir wollen alles als eine große Harmonie präsentieren.

Ich denke, das ist Euch sehr gut gelungen, die Illustrationen haben mir sehr gur gefallen. Aber es ist sehr schwer die Linernotes zu lesen, weil der Kontrast zum Hintergrund so schlecht ist.
Dem stimme ich zu. Ich habe deswegen auch Ärger mit unserem Label. Sie glauben mir nicht. Du hast die Promoversion denke ich. Ich hoffe, daß sie ihr Versprechen halten, und das fertige Album besser aussieht. Wir haben das Artwork auf einem pergamentartig gefärbten Hintergrund geliefert. Er war heller und hätte einen besseren Kontrast zu den schwarzen Buchstaben gebildet. Wir hatten auch vor, die Texte in größeren Buchstaben zu drucken. Das ist sehr frustrierend für mich, denn ich habe tagelang daran gearbeitet. Das ist die einzige Sache, mit der ich bis jetzt unzufrieden bin. Als ich die Promokopien sah, hatte ich einen Streit mit unserem Label. Ich habe ihnen gesagt, daß viele Leute sich nun nicht mehr die Zeit nehmen werden, das Booklet zu lesen, weil es zu anstrengend ist. Ich hoffe sie haben das noch geändert, ich habe das eigentliche Album noch nicht gesehen.

Bist Du ansonsten mit Hammerheart zufrieden? Ihr seid ja von Mascot Records gewechselt. Bist Du zufrieden mit diesem Schritt?
Ich bin sehr zufrieden mit der Promotion und dem Team. Sie haben sehr gute Kontakte. Sie haben jemanden, der nur für den deutschen Markt arbeitet, sie haben Spezialisten für andere Länder, die Interviewtermine werden gut organisiert. Früher mußten wir das alles selbst machen. Das ist alles wesentlich besser durchstrukturiert bei Hammerheart. Das einzige womit ich unzufrieden bin, ist, daß mein Artwork nicht so verwandt wurde, wie ich es wollte. Es sieht gut aus, aber es ist nicht so wie wir uns das gedacht haben. Wir hatten angeboten das Grafikstudio zu besuchen, um alles zu kontrollieren, bevor es in den Druck geht, aber sie haben nicht auf uns gewartet. das nächste mal werde ich im Büro warten und da sein bevor irgendetwas die Räume verläßt!

Was erwartet Ihr Euch von Hammerheart und dem neuen Album?
Ich habe gelernt, gar nichts zu erwarten. Ich weiß wie unberechenbar die Musikindustrie ist. Es kann sein, daß die Leute es mögen und wir erfolgreich sind. Es kann aber auch sein, daß sich alles gegen uns wendet, denn wir versuchen mit jeder Veröffentlichung etwas neues zu bieten. Nicht jeder hat ein Interesse an solch einer atmosphärischen Vielfalt innerhalb einer Band. Es gibt Leute, die unser Material komplett mögen. Was mich sehr freut, ist, daß es so scheint, als hätten wir das erste Mal ein großes Feedback aus Deutschland. In der Vergangenheit waren es nur einige wenige Underground Magazine, denen gefiel was wir machen. Nun bekommen wir sehr viele Reaktionen von größeren Magazinen. Ich hoffe, daß das einen guten Effekt erzielt, daß wir öfter in Eurem Land spielen können. Wir haben zwar schon in ein paar Städten in Deutschland gespielt, aber wir haben einen besseren Stand z.B. in Südeuropa. Wir spielen in Griechenland, Spanien oder Portugal vor wesentlich größerem Publikum. Wir haben auch viele Anfragen aus Südamerika. Wir sind eine der sich am besten verkaufenden Bands in Israel. In England und Deutschland gibt es noch viel für uns zu tun. Das letzte Mal als wir in England gespielt haben war es sehr gut. Es waren viele Leute da, die Stimmung war gut. Wir haben auch schonmal in Köln gespielt, das war ein gutes Konzert, einmal in Hamburg, ebenfalls mit guten Reaktionen. Wir haben aber auch schonmal in Hamburg gespielt, wo wenig Publikum war, es hat keinen großartig interessiert. Ich hoffe, daß wir mit diesem Album die Herzen der Leute dort erobern können.

Es ist in Deutschland eh sehr schwer volle Hallen zu bekommen, weil die Leute übersättigt sind, es gibt zu viel Metal hier.
Ja, das denke ich auch. Das ist ein weltweites Phänomen. In Deutschland gibt es mittlerweile an jeder Straßenecke eine Band. Es gibt viel zu viele Plattenveröffentlichungen. Früher, ich mag zu nostalgisch klingen, hat man der Veröffentlichung des neuen Albums einer Band entgegengefiebert, darauf gewartet. Es war ein Ereignis. Ich erinnere mich noch daran, wie ich auf das nächste Venom – Album gewartet habe. Heutzutage können viele Bands kaum ihre Instrumente spielen (tolle Überleitung von Venom…-Tim) und kümmern sich viel mehr um ihre Schminke, als um die Songs, die sie schreiben. Es gibt Bands von überall auf der Welt, die versuchen norwegisch zu klingen, egal ob sie aus Mexiko oder Neu Guinea stammen, sie alle spielen ‘True Norwegian Black Metal’. Dann gibt es Bands, die frustriert sind, daß sie nicht bei Cradle of Filth spielen, und ihren Vorbildern nacheifern. Dann gibt es Bands in Schweden, die denken, sie wären deutsche Heavy Metaller und versuchen die Bands der 80er in Deutschland zu imitieren. Es gibt zu viel Nachahmung überall. Das wirkt sich auch negativ für die Bands aus, die versuchen et-was anderes zu machen, weil der Markt überschwemmt wird. Wenn Du ein 16 – jähriger Fan bist, und nur über ein begrenztes Taschengeld verfügst, was sollst Du noch kaufen? Du siehst doch den Baum in der Wildnis nicht mehr. Es ist eine riesige Masse von Veröffentlichungen. Viele Veröffentlichungen, die es wert wären, beachtet zu werden, gehen auf diese Weise unter.

Denkst Du der Markt wird zusammenbrechen, daß ein großes Labelsterben einsetzt, daß die Zahl der Bands zurückgeht, daß die Leute irgendwann satt sind, und nichts mehr vom Metal wissen wollen?
Ich weiß es nicht. Ich glaube, daß der Metal immer da sein wird, wenn auch vielleicht in anderer Form. Vielleicht wird das eine Form sein, mit der ich nichts mehr anfangen kann. Für mich hat jede Art von Musik ihre Existenzberechtigung. Heutzutage ist der sogenannte ‘New Metal’ sehr populär, aber ich kann damit überhaupt nichts anfangen. Diese Musik berührt mich nicht im geringsten. Es ist eine Frage des Geschmacks. Es kann sein, daß ein sechszehnjähriger, das als ‘seine’ Musik ansieht und es auch für Metal hält. Aber wenn ich an Metal denke habe ich ein anderes Bild vor Augen. Ich kenne einige junge Leute und wenn wir etwas trinken gehen, dann läuft dort Rage Against the Machine oder Slipknot. Und die Leute fragen mich dann ‘Hey, Du spielst doch in einer Metalband und das ist Metal und du schüttelst gar nicht Deine Mähne, wie kann das sein?’. Ich brauche andere Musik, um zu fühlen, daß es Metal ist. Es ist eine emotionale Sache, eine Sache des musikalischen Gefühls. Es ist hart, es ist laut, es hat schwere Gitarren, die Produktion der New Metal Bands ist der Wahnsinn, aber ich fühle nichts, es berührt meine Seele nicht, wie es z.B. eine alte Iron Maiden -, oder Judas Priest – Scheibe kann, oder Motörhead, was auch immer. Es ist eine Frage der Generationszugehörigkeit.

Was denkst Du über die belgische Szene? Interessierst Du Dich überhaupt für sie? Gibt es Bands, die Du empfehlen kannst?
Ich habe neulich eine Band gesehen, die mir sehr gefallen hat. Sie hießen Oblivion. Sie waren kein wirklicher Metal, aber sie hatten zwei Keyboards. Sie haben gut gespielt, sie waren unser Support Act. Keiner unserer Fans hat sich für die Band interessiert, es war nicht sehr agressiv, es war eher atmosphärische Musik. Es war vielleicht nicht das Originellste, aber es war sehr gut gespielt, und sehr gut präsentiert. Das Piano und die Keyboards gaben dem ganzen ein orchestrales Gefühl, auf eine gewisse originelle Art. Die Musik hat mich wirklich berührt, unser Gitarrist und ich waren die einzigen im Club, die sich die Band angeschaut haben und sie gut fanden. Der Rest trank total gelangweilt sein Bier. Es war überwiegend ein Black Metal Publikum an dem Abend, die Band war eine Fehlbuchung. Sie haben nicht wirklich in den Rahmen gepaßt. Aber es hat mir so gut gefallen, daß die beiden Keyboardspieler ab und zu bei meiner Gothicband Danse Macabre mitspielen. Ich fand die Band sehr interessant. Aber meistens gehe ich nicht mehr auf Konzerte, weil ständig irgendwelche Leute ankommen und mir erzählen, was ich an meiner Band ändern soll. Ich bevorzuge es, außerhalb zu Konzerten zu gehen, wo wir nicht so bekannt sind, z.B. nach Deutschland zu kommen, was unser Gitarrist auch oft tut. Das hat nichts mit Arroganz zu tun, aber es macht einfach keinen Spaß, wenn man nur ein paar Bands anschauen will und sich ständig selbst verteidigen muß. Es ist komisch, wenn Leute auf Dich zukommen und Dir erzählen welches Album gut war und welches scheiße, die meinen man würde sich nicht mehr um sie kümmern, wofür man sich halten würde, die Band sei ständig in irgendwelchen Magazinen vertreten, als ob es keine anderen talentierten belgischen Bands gäbe, warum man blaue Jeans trägt, wo man doch Black Metal ist, warum man nicht raucht, dann wäre man doch kein Metaller. Es ist mir auch schon passiert, daß ich eine Cola getrunken habe und sie mir aus der Hand genommen wurde mit der Begründung ‘wir sind Deine Fans und wir wollen, daß Du Bier trinkst’. Keines der Beispiele ist erfunden, es ist alles passiert. Ich habe mich mal mit ein paar Punks unterhalten, und danach kamen Leute auf mich zu und meinten ‘Du repräsentierst doch unsere Szene, da kannst Du doch nicht mit Punk Rockern reden. Ich werde meine Platten verkaufen’, all sowas. Es gibt natürlich auch nette Leute in der Szene. Leider haben die nervigsten Leute den lautesten Mund. Das ist der Grund warum ich nicht mehr oft zu Konzerten in Belgien gehe. Es gibt viele gute Bands in Belgien und auch viele nette Leute, die Mehrheit, aber wie überall übernimmt eine Minderheit den größten Teil. Wir sind sehr bekannt hier, das bringt uns in eine schwierige Situation.

Was war die beste Erfahrung, die Du mit Ancient Rites gemacht hast, welches die schlechteste?
Die beste Erfahrung war es, auf dem Dynamo Open Air zu spielen. Ich habe dieses Festival als Teenager schon besucht, als es noch ziemlich klein war. Nach fünfzehn Jahren dann selbst dort auf der Bühne zu stehen war sehr schön. Die gute Interaktion mit dem Publikum war ein sehr schönes Gefühl. Oder im legendären Marquee in London zu spielen, das ja mittlerweile geschlossen ist, war sehr gut. Auch in Portugal und Griechenland zu spielen, wo wir einen unserer ersten großen Auftritte hatten, in einem Stadion, in einem Basketballstadion. Der andere Auftritt war in einer sehr großen Halle, Kreator haben dort ihren ‘Betrayer’ Videoclip aufgenommen. Es waren so viele Leute dort. Das war sehr überraschend für uns. Damals hatten wir einen sehr schlechten Vertrieb für unsere Platten, wir waren tiefster Under-ground. Der schlechteste Moment war natürlich, als unser Gitarrist starb, der Tod mit dem wir klarkommen mußten.

Magst Du es auf Open Air Festivals zu spielen? Was ist das besondere an einem Open Air Auftritt?
Es ist alles sehr gut organisiert, du hast eine bessere Sicht auf die Leute, weil die Bühnen oft höher und größer sind. Ich mag es wirklich in kleinen Clubs zu spielen, aber wenn man intensive Musik spielt ist es oft heiß, man schwitzt und man hat einen gewissen Sauerstoffmangel wegen der schlechten Luft. Auf einem Open Air hast Du die ganze Zeit frische Luft, die Bühne heizt sich nicht so auf, das gibt Dir mehr Energie. Es ist angenehmer auf einer Open Air Bühne zu sein. Der negative Aspekt ist natürlich, daß auf solchen Festivals der Sound oft nicht der beste ist, weil der Sound sich mit dem Wind bewegt. Außerdem hat man zuwenig Zeit für einen vernünftigen Soundcheck, wenn die Headliner das nicht erlauben. man muß einen guten Tag haben, wenn man sprichwörtlich vor die Wölfe geworfen wird. Auf dem Graspop, auf dem Dynamo und dem Fiesta di Rock sagten sie ‘Ok, ihr seid an der Reihe, fangt an’, wir sind also auf die Bühne gegangen, haben die Instrumente eingestöpselt und los-gespielt und gehofft, daß der Tontechniker etwas nettes daraus macht. Wir hatten keine Zeit irgendetwas zu checken. Wenn man in einem kleinen Club spielt, kann man das alles machen bevor die Leute kommen. Es gibt für alles Pro und Kontra.

Und was die Atmosphäre angeht?
Man kann in einem kleinen Club eine sehr gute Atmosphäre schaffen. Aber was mich sehr überrascht hat war, daß als das ‘Fatherland’ Album gerade veröffentlicht war, wir tausende von Leu-ten gesehen haben, die bei den Folkloreparts in die Hände geklatscht haben. Das war eine sehr ungewöhnliche Sache, gerade für eine Band unseren Stiles. Viele Reihen sind von der Musik mitgerissen worden. Das war sehr beeindruckend, das Publikum war willig, wir hatten offensichtlich einen guten Sound und alle waren Teil der Musik. Wenn man auf einem großen Festival spielt, kann es gut sein, daß die ersten zwei, drei Reihen headbangen und der Rest dasteht und zuschaut. Dann kann einem das Publikum schon mal vorkommen wie ein riesiges Monster. Wir hatten natürlich Glück, daß wir so ein gutes Publikum hatten, das unsere Musik mochte, und daß es einen fähigen Tontechniker gab. Es ist großartig, wenn man erlebt, daß dieses Monster sich einem positiv zuneigt. Das ist eine riesige Sache, aber wir haben den Undergroundcharakter aufrecht erhalten. Wir haben die Securityleute instruiert, daß sie nicht streng auf Leute reagieren sollen, die versuchen uns zu erreichen, und wir haben es auch einem Fan, der es geschafft hatte, die Bühne zu erreichen, gestattet, einen Teil von ‘Fatherland’ zu singen. Der Typ war hinterher ein wenig geschockt, weil er nicht gedacht hätte wie groß das Publikum wirklich ist. Es war das erste Mal, daß er auf der Bühne stand und er schaute sich um, sang seinen Part und war überrascht über die Masse unter ihm. Ich will mich nicht in einem goldenen Turm einschließen oder negativ auf die Leute reagieren. Die Bühne gehört mir nicht. Paradise Lost haben mir einmal den Arm gebrochen. Ich will unseren Fans nicht dasselbe antun. Das war noch zu Zeiten, wo sie im Underground waren, ich wollte sie unbedingt sehen und sie spielten dann einen alten Song und ich stieg mit ein paar anderen auf die Bühne um zu diven. Der Sänger kam, und er und die Roadcrew kickten uns von hinten von der Bühne, wobei ich mir dann den Arm gebrochen habe. Der nächste Tag war nicht so toll, denn ich mußte einen Immemorial Gig spielen für ihren Gitarristen, der gerade gestorben war. Sie mußten das Konzert ohne Baß spielen. Das ist nicht die Haltung, die ich mit Metal verbinde. Ich will nicht dieselben Reflexe haben wie ein Superstar. man sollte nie vergessen wo man herkommt. Dieser Typ, der den Teil von ‘Fatherland’ gesungen hat, kam ja nicht um mir etwas böses zu tun, er wollte einfach ein Teil des Momentes sein. Er hatte seine zwei Minuten Ruhm. Danach ist er der größte Fan! Es ist ein positives Gefühl der Zusammengehörigkeit. Als wir in Italien gespielt haben, wir haben ein paar italienische Passagen in unseren Songs, habe ich das Mikrophon ins Publikum geworfen, um sie teilhaben zu lassen. Man erreicht auf diese Weise eine bessere Interaktion, die für Black Metal nicht typisch ist. Aber ich will diese Distanz nicht haben, ich will einen schönen Abend miteinander verleben. Wir machen zwar extreme Musik, aber wir sind nicht anders als die Leute im Club.

Wie wichtig ist es für dich als Musiker und als Person, auf Tour zu sein?
Als Musiker ist das unterschiedlich. Manchmal spielt man für ein großes Publikum, das ist dann gut. Wenn man zusammen mit einer großen Band auf Tour geht, hat man die Möglichkeit seine Musik einem große Publikum zu präsentieren. Aber wenn diese große Band nicht sehr unterstützend ist, sie einem nicht viel Freiheiten läßt, einem beispielsweise nicht erlaubt die PA mitzubenutzen, kann es sich gegen einen wenden, oder wenn einem nicht erlaubt wird einen Soundcheck zu machen. Aber manchmal geht man mit sehr freundlichen Bands auf Tour. Wenn man der Headliner ist, hat man natürlich sowieso alle Freiheiten. Dann kann man seine Musik den Leuten angemessen präsentieren. Der negative Aspekt an Touren ist, daß die Wochentage ein wenig langweilig sind. Es ist zwar verständlich, aber die Leute sehen sich das Konzert an und gehen danach gleich wieder. Die Atmosphäre ist nicht die gleiche, wie wenn man Freitags oder Samstags spielt. Als Person ist es ideal. Ich bin auf Reisen und das ist eine meiner größten Leidenschaften. Ich bekomme auch die Chance viele meiner alten Freunde wiederzusehen, die ich im Laufe der Jahre überall gewonnen habe.

Gibt es bereits Pläne für eine Europatour mit Eurem neuen Album?
Wir werden im Juni beginnen zu touren. Wir werden in Portugal spielen, in Frankreich, in Belgien und Holland, in Israel, dort gibt es immer ein großes Publikum. Unser Label hat Interesse daran eine Deutschlandtour zu organisieren. Das wäre großartig. Ich hoffe, daß es klappt eine Tour durch Süd- und Mittelamerika zu machen. Wir sind momentan im e-mail Kontakt deswegen. Wir sollen eine dreimonatige Tour machen, und wir wissen nicht ob das überhaupt möglich ist. Ich will zuerst herausfinden, ob sich das überhaupt lohnt. Ich würde lieber zunächst für zwei oder drei Wochen nach Südamerika gehen, um zu sehen wie der Promoter arbeitet. Die Lage in einigen Regionen ist schlecht. Wir sind Willens alle Risiken auf uns zu nehmen, aber es macht keinen Sinn an der Grenze zu stehen und nicht ins Land zu dürfen. Als uns die letzte Tour angeboten wurde, war es uns ursprünglich erlaubt nach Kolumbien einzureisen. Wir haben aber kurz vorher von bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und der Mafia gehört, deshalb wurde uns nicht erlaubt Bogota zu verlassen. Was ist eine Tour wert, wenn man dort ankommt und das Land Kopf steht, so daß es Dir nicht erlaubt ist den Flughafen zu verlassen? Wie auch immer, es ist alles in Vorbereitung und ich habe gehört, das Deicide daran interessiert sind uns wieder mit auf Tour zu nehmen, zum drittenmal. Das könnte interessant sein. Ich weiß, daß wir nicht dann lange Zeit nicht zuhause sein werden, ich spiele in verschiedenen Bands. Ich habe gerade das neue Danse Macabre – Album aufgenommen und das Debüt von Iron Clad, das ist meine Heavy Metal Band und ich werde Lions Pride im Sommer aufnehmen, das ist eine komplett andere Band, eher Streetstyle, sehr undergroundige Musik. Ich bin sehr beschäftigt, ich weiß gar nicht womit ich anfangen soll.

Woher nimmst Du die ganze Zeit? Kannst Du von der Musik leben?
Nein, kann ich nicht. Ich arbeite halbtags, den Rest der Zeit investiere ich in meine Musik und Interviews. Ich brauche den Job um meine Rechnungen zu bezahlen. Leider sind es überwiegend die Labels, Manager und Promoter, die das Geld verdienen. Die Mehrheit der Künstler bleibt unglücklicherweise in der Kälte.

Welche Ziele willst Du mit Ancient Rites erreichen? Wo siehst Du die Band in fünf Jahren?
Ich hoffe, daß wir viele Leute zum Reisen gebracht haben mit unserer Musik, daß sie eines Tages in ihren Ferien irgendeinen Ort aufsuchen, sei es in Griechenland oder in Ägypten, daß sie sagen ‘Ah, das ist ein Ort über den sie gesungen haben, es gibt ihn wirklich,und es hat sich gelohnt hierher zu kommen’. Ich hoffe wir können die Leute inspirieren auf unterschiedliche Art zu Reisen, das wäre ein guter Spruch für unseren Grabstein.

Gibt es noch irgendetwas diesem Interview hinzuzufügen?
Wie gesagt, hoffe ich, daß wir ein bißchen öfter in Eurem Land spielen können, und daß wir die Möglichkeit haben ein Weißbier zusammen zu trinken oder einen deutschen Wein.

Interview aus Eternity #19

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